Wir haben mehrere Berichte zur Unnützgruppe (2007m, 2075m, 2078m) in den Brandenberger Alpen:

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Knackiger Klassiker

Die Ost-West-Überschreitung der Brecherspitz


01. Mai 2018 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Ost-West-Überschreitung der Brecherspitz in den Bayerischen Voralpen. Unsere Wanderung beginnt am Spitzingsattel und führt uns über den knackigen Ostgrat zunächst hinauf zum Hauptgipfel. Nach einer kurzen Gipfelpause wenden wir uns dem Vorgipfel zu, den wir über den ausgesetzten Westgrat erreichen. Nach einem Abstecher zur St. Leonhard Kapelle kehren wir über die Freudenreich-Alm und die Obere Firstalm zurück zum Wanderparkplatz am Spitzingsattel.

Schwierigkeit: T3, UIAA IGPS-Route: DownloadWanderkarte: Kompass 8

Start am Spitzingsattel

Noch spannt sich ein trister, grauer Himmel über das Mangfallgebirge, als wir den Spitzingsattel (1129m) zwischen den Gemeinden Neuhaus und Spitzingsee erreichen. Jetzt, um 06:53 Uhr morgens ist der Parkplatz vor dem Brotzeitstüberl (Achtung: kostenpflichtig!) noch nahezu leer, und so haben wir keine Probleme, einen Stellplatz für unseren Wagen zu finden. Nachdem wir vom Einweiser direkt zur Kasse gebeten werden, holen wir unsere spärlich gepackten Rucksäcke aus dem Kofferraum und stapfen hinüber zur anderen Straßenseite, wo unsere heutige Tour beginnt: die Ost-West-Überschreitung der Brecherspitz (1683m).

Der steile Ostgrat

Direkt bei der großen Schranke am Straßenrand biegen wir in den Wald hinein und folgen einem schmalen und steilen Steig, der uns zum wilden Ostgrat hinaufführt. Der Weg lässt sich zunächst noch gut begehen, und wir gewinnen schnell an Höhe. Bereits nach 20 Minuten brechen wir zum ersten Mal aus dem Wald hervor und erhaschen die ersten Blicke in Richtung Neuhaus im Norden. Deutlich imposanter ist allerdings das Gelände, das sich nun direkt vor unserer Nase aufbaut. Steil und abweisend erhebt sich die Südostflanke der Brecherspitz (1683m) über uns. Über ein paar grasige Serpentinen erreichen wir schon bald die ersten felsigen Stellen. Dort ist der Steig nicht nur schmal, sondern auch ziemlich ausgesetzt, und ein Sturz könnte hier wirklich übel enden.

Der ausgesetzte Ostgrat der Brecherspitz.

Der Ostgrat der Brecherspitz ist stellenweise äußerst ausgesetzt.

Die Schlüsselstelle

Kurz darauf erreichen wir die Schlüsselstelle der gesamten Tour. Eine stattliche Felsstufe muss überklettert werden, während im Rücken der Abgrund klafft (UIAA I). Doch letztlich klingt das alles viel schlimmer als es in Wirklichkeit ist. Der Fels bietet hervorragende Griffe und Tritte, und so meistern wir die Hürde nicht nur ohne größere Probleme, sondern auch mit einem Hauch von Genuss. Anschließend folgen wir dem schmalen Steig immer am Ostgrat entlang, vorbei an kahlen Felswänden und tiefen Abgründen.

Die Schlüsselstelle am Ostgrat der Brecherspitz.

Bei der Schlüsselstelle muss eine kleine Felsstufe überwunden werden.

Die letzten Meter

Nach etwas mehr als einer Stunde rückt der Gipfel zum ersten Mal in unser Blickfeld. »Oh mei, da sind wir ja gleich oben«, ruft mir mein Begleiter über seine Schulter hinweg zu. In der Tat ist es jetzt wirklich nicht mehr weit. Genüsslich arbeiten wir uns über den Steig, der von Latschen und Nacktstängeligen Kugelblumen gesäumt wird, in Richtung Gipfel. Bei einem Schild, das Wanderer vor einem Abstieg über den Ostgrat warnt – im Wortlaut heißt es dort: »Kein Abstieg! Lebensgefahr!« – halten wir kurz inne. Dann wenden wir uns aber wieder dem Gipfelkreuz zu, das mittlerweile schon zum Greifen nahe scheint.

Das Warnschild am Ostgrat der Brecherspitz.

Von einem Abstieg über den Ostgrat wird dringlichst abgeraten.

Der Hauptgipfel

Brecherspitz (Hauptgipfel)
LandDeutschland
GebirgeBayerische Voralpen
KammMangfallgebirge
Höhe1683 m
Koordinaten47°40′35″N, 11°52′16″E

Um 08:20 Uhr erreichen wir schließlich den nahezu menschenleeren Gipfel. Während die Brecherspitz (1683m) vom Frühling bis in den Herbst stets gut besucht ist, treffen wir heute Morgen lediglich zwei andere Wandergruppen hier oben an. Dementsprechend können wir den Gipfelaufenthalt ohne großen Trubel genießen. Unter dem hölzernen Gipfelkreuz suchen wir uns ein schmuckes Plätzchen und gönnen uns eine kleine Brotzeitpause.

Bildergalerie: Brecherspitz

Obwohl sich der Himmel noch immer wie ein graues Tuch über die Bayerischen Voralpen spannt, bietet sich uns von hier oben ein hervorragendes Panorama. Im Norden haben wir nicht nur die Gemeinde Neuhaus, sondern auch den ruhig im Tal liegenden Schliersee im Visier. Im Osten erhebt sich hinter dem Jägerkamp (1746m) der markante Gipfelaufbau des Wendelstein (1838m). Im Süden, jenseits des Spitzingsees, reicht der Blick nicht nur bis zu den schneegekrönten Gipfeln der beiden Schinder (1808m, 1796m), sondern sogar bis zum Guffert (2195m) und den Unnützen (2078m, 2075m, 2007m). Komplettiert wird das Panorama vom Risserkogel (1825m) im Westen, hinter dem sich auch Roßstein (1698) und Buchstein (1701m) als unscheinbare Zacken zu erkennen geben.

Der Blick vom Gipfel der Brecherspitz nach Norden.

Im Norden reicht der Blick vom Schliersee bis zum Wendelstein.

Der Blick vom Gipfel der Brecherspitz nach Osten.

Im Osten haben wir unter anderem den Jägerkamp im Blick.

Der Blick vom Gipfel der Brecherspitz nach Südwesten.

Im Südwesten zeigt sich uns sogar der ferne Gipfel des Guffert.

Der Westgrat

Nach einem schnellen Gipfelfoto schultern wir die Rucksäcke erneut und machen uns wieder auf den Weg. Dieser führt uns nun über einen schmalen Grat nach Westen, wo uns der Vorgipfel der Brecherspitz (1643m) erwartet. Auf dem ausgesetzten und größtenteils unversicherten Kammabschnitt kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen. In der Tat zählt die Brecherspitz (1683m) wohl zu den gefährlichsten deutschen Bergen. Dementsprechend sind wir nicht sonderlich überrascht, als wir schon bald auf ein Schild des DAV treffen, das »Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit« fordert. Wer diese Eigenschaften nicht mit sich bringt, sollte am besten umkehren. Für geübte Wanderer ist die Gratwanderung hingegen der reinste Genuss.

Der Westgrat der Brecherspitz.

Der anspruchsvolle Westgrat der Brecherspitz sollte nicht unterschätzt werden.

Der Vorgipfel

Brecherspitz (Vorgipfel)
LandDeutschland
GebirgeBayerische Voralpen
KammMangfallgebirge
Höhe1643 m
Koordinaten47°40′30″N, 11°51′52″E

Gemütlich arbeiten wir uns also mit Hand und Fuß immer weiter nach Westen und erreichen, nach einer kurzen seilversichten Stelle, schon bald den unauffälligen Vorgipfel (1643m). Weder Kreuz noch Steinmann sind hier oben anzutreffen, lediglich ein paar rosa blühende Schneeheiden, gelbe Schlüsselblumen und lila Alpenglöckchen laden zum Verweilen ein. Kurz werfen wir von unserer jetzigen Warte nochmal einen Blick zurück zum Hauptgipfel (1683m), dann machen wir uns Gedanken über den weiteren Weg. Geradeaus führt ein Steig weiter in Richtung Obere Firstalm (1369m), und von dort zurück zum Spitzingsattel. Doch sollen wir jetzt bereits den Abstieg antreten? Immerhin sind wir gerade einmal seit zwei Stunden unterwegs.

Schneeheiden auf dem Vorgipfel der Brecherspitz.

Vorboten des Frühlings: Schneeheiden blühen auf dem Vorgipfel.

Die Freudenreichkapelle

Um die lange Anreise mit dem Auto noch irgendwie zu rechtfertigen, entscheiden wir uns spontan, die Tour etwas zu strecken. Und so steigen wir schon bald in nördlicher Richtung den Kamm hinab in Richtung Freudenreichkapelle (1587m), die manchmal auch St. Leonhard genannt wird. Laut dem Wegweiser am Vorgipfel (1643m) soll der Übergang zur Kapelle eine halbe Stunde dauern, doch tatsächlich benötigen wir lediglich 15 Minuten, um die kleine, mit hölzernen Schindeln umrahmte Andachtsstätte zu erreichen. Voller Neugier werfen wir einen kurzen Blick hinein, dann diskutieren wir den weiteren Weg.

Die Freudenreichkapelle an der Brecherspitz.

Einen kurzen Abstecher zur Freudenreichkapelle lassen wir uns heute nicht nehmen.

Die Freudenreich-Alm

Nach einem prüfenden Blick in die Wanderkarte folgen wir dem gelben Wegweiser direkt vor der Kapelle, der zur Freudenreich-Alm (1262m) hinab deutet. Schon seit gut 300 Jahren steht die altehrwürdige Alm im Schatten der Brecherspitz (1683m). Zügig stapfen wir die grasige Westflanke hinab und landen in der Tat schon bald vor einer hölzernen Hütte. Bei dieser handelt es sich allerdings um eine Anlage der Bergfreunde Freudenreich, und nicht um die gleichnamige Alm. Theoretisch könnten wir zwar schon hier den Rückweg zum Spitzingsattel antreten, und uns somit ein paar Höhenmeter sparen, doch wie wir festellen müssen, verliert sich der richtige Weg schon bald im Schnee, der sich hier auf den Nordhängen noch immer äußerst wacker hält. Dementsprechend verzichten wir dann doch auf die Abkürzung und steigen lieber ganz zur Alm hinab, die wir nach weiteren 20 Minuten über schlammige Serpentinen erreichen.

Die Freudenreich-Alm an der Brecherspitz.

Schon seit 300 Jahren steht die rustikale Freudenreich-Alm im Schatten der Brecherspitz.

Der Freudenreichsattel

Nach einer kurzen Rast auf den bequemen Liegestühlen vor der Alm wenden wir unseren Blick gen Süden und folgen dem Weg hinauf zum Freudenreichsattel (1371m). Dabei erfreuen wir uns nicht nur an der Weißen Pestwurz, der zu dieser Jahreszeit am Wegesrand blüht, sondern müssen schon bald auch die ersten Schneefelder passieren – ob wir wollen oder nicht. Doch glücklicherweise ist der Spuk in wenigen Minuten vorbei. Ein neugieriger Feldhase nimmt uns am Sattel zunächst in Empfang, entscheidet sich dann allerdings doch, lieber erst einmal die Flucht vor uns zu ergreifen.

Weißer Pestwurz am Freudenreichsattel.

Auf dem Weg zum Freudenreichsattel blüht zurzeit die Weiße Pestwurz.

Von der Firstalm zum Spitzingsattel

Von jetzt an geht es für uns nur noch bergab. Nach einem kurzen Schlenker zur Oberen Firstalm, die zurzeit noch geschlossen hat, wenden wir uns dem Abstieg zu, der uns über den Trautweinweg schnurgerade in östlicher Richtung wieder zurück zum Spitzingsattel führt. Dort hat sich der Wanderparkplatz mittlerweile prächtig gefüllt. Schnell schleudern wir die Rucksäcke zurück in den Kofferraum, werfen einen letzten Blick hinab auf den Spitzingsee im Süden, und begeben uns – mit einem kurzen, aber knackigen Klassiker im Gepäck – wieder auf die Heimreise.

StationenDistanzDifferenzZeit
Spitzingsattel
→ Brecherspitz (Hauptgipfel) ✝ +1,7 km554 m ↑ 0 m ↓+1h 30m
→ Brecherspitz (Vorgipfel) ✝ +0,5 km 42 m ↑ 82 m ↓+0h 15m
→ Kapelle St. Leonhard +0,5 km 21 m ↑ 77 m ↓+0h 15m
→ Freudenreich-Alm +1,1 km 0 m ↑325 m ↓+0h 35m
→ Obere Firstalm +0,9 km117 m ↑ 10 m ↓+0h 20m
→ Spitzingsattel +2,6 km 4 m ↑244 m ↓+0h 40m
Gesamt 7,3 km738 m ↑738 m ↓3h 35m