Der Blick vom Nublet hinüber zum Mount Assiniboine, mit dem Lake Magog, dem Sunburst Lake und dem Cerulean Lake.

Der Assiniboine Loop

Etappe 2: Allenby Junction → Lake Magog


08. Juli 2019 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt unsere zweite Etappe auf dem Assiniboine Loop in den Kanadischen Rockies. Von der Campsite an der Allenby Junction folgen wir zunächst weiter dem Bryant Creek Valley hinauf bis zum Assiniboine Pass. Nach einem kurzen Abstecher zur nahe gelegenen Mount Assiniboine Lodge schlagen wir an der Lake Magog Campsite schließlich unser Lager auf. Den Rest des Tages verbringen wir mit einer kleiner Erkundungstour, die uns hinauf zum Niblet und zum Nublet führt.

Schwierigkeit: T3GPS-Route: Download

Ein früher Start in den Tag

Gegen sechs Uhr morgens schälen wir uns wieder aus dem Schutz der Schlafsäcke. Vorsichtig schiebe ich die noch feuchte Zeltplane beiseite und trete hinaus in die kühle Morgenluft. Der Regen der Nacht ist glücklicherweise weitergezogen, und das zarte Blau des Himmels scheint nun auch die letzten Wolkenreste über die grauen Kämme der Sundance Range treiben zu wollen. Für einen Moment verliere ich mich in der malerischen Stille, die zu dieser frühen Stunde noch über dem weiten Talgrund liegt. Nicht einmal das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Erst das traurige Säuseln einer Isomatte, der hinter mir gerade das Leben ausgehaucht wird, reißt mich wieder aus meiner Kontemplation. Zügig stapfe ich zum Zelt zurück.

Genau wie mein Begleiter kann auch ich es kaum erwarten, wieder in die Wanderstiefel zu schlüpfen und mich noch tiefer in der rauen Schönheit der Kanadischen Rockies zu verlieren. Zumal es heute endlich in das Herz des Mount Assiniboine Provincial Parks geht. Nur ein paar Kilometer trennen uns noch von den malerischen Bergseen und vergletscherten Gipfeln, von denen wir schon so viel gelesen und gehört haben.

Das Wiedersehen

Nachdem wir das Zelt demontiert und die Rucksäcke gepackt haben, sammeln wir an der Allenby Junction Campsite [Br17] (1873m) noch schnell unseren Proviantbeutel auf. Zu meiner Überraschung ist Amanda, unsere Bekanntschaft von gestern Abend, auch schon auf den Beinen. Während wir uns an der Kochstelle ein schnelles Frühstück genehmigen, kommt sie für einen kurzen Plausch herüber.

Wir reden über den Regen der letzten Nacht und die Pläne für den heutigen Tag. Während es sie zurück in die Zivilisation zieht, drängt es uns noch tiefer in die Wildnis. Am abgelegenen Og Lake (2045m), jenseits des Assiniboine Pass (2191m), erwartet uns unser nächstes Nachtlager. Ganz zufrieden bin ich damit nicht, aber es war der einzige Zeltplatz, der noch nicht komplett ausgebucht war.

Entscheidungen

Als schließlich das erste Sonnenlicht über die kahlen Flanken des Gibraltar Rock (2870m) streicht, wird es Zeit für uns zu gehen. Mit etwas Wehmut verabschieden wir uns von Amanda, dann ziehen wir weiter das Tal hinauf — vorbei an den regenbeladenen Blüten der Scharlach-Erdbeeren und Gletscher-Berufskräuter, die entlang des Weges blühen. Von den mächtigen Felswänden des Cascade Rock (2880m) zu unserer Linken stürzen sich imposante Wasserfälle, und einzelne Nebelschwaden treiben über die Schutthänge und Waldflanken, die das Tal begrenzen.

Der Gibraltar Rock und der Cascade Rock in den Kanadischen Rockies.

Immer wieder blitzt der Cascade Rock mit seinen Wasserfällen hinter den Bäumen hervor.

Schon bald stehen wir vor einer Weggabelung. Um zum Assiniboine Pass zu gelangen, gibt es zwei Optionen. Entweder wir folgen dem Horse Trail nach links, oder wir biegen rechts auf den etwas längeren Assiniboine Pass Trail ein. Auf den ersten Blick scheint die Entscheidung einfach zu sein: Der Pferde-Trail ist deutlich kürzer und würde uns fast einen halben Kilometer ersparen. Doch wie wir von Amanda wissen, könnte der Pfad ziemlich schlecht zu begehen sein. Denn mit ihren Hufen ackern die Pferde den schlammigen Grund regelrecht um. Und so entscheiden wir uns dann doch für die etwas längere Variante.

Durchs obere Tal

Ohne Umschweif stürzen wir uns ins Grüne und folgen dem schmalen Pfad weiter nach Norden. Im Vorübergehen befreien wir die regenbeladenen Sträucher am Wegesrand von ihrer nassen Last. Mein Begleiter, der sich heute Morgen für eine lange Stoffhose entschieden hat, ist bereits nach wenigen Metern komplett durchnässt. Als Vancouverite habe ich glücklicherweise etwas mehr Erfahrung mit dem nassen Westküstenwetter und weiß, dass nach dem Regen der gestrigen Nacht kurze Shorts die deutlich bessere Wahl sind.

Der Weg hinauf zum Assiniboine Pass in den Kanadischen Rockies.

Kaum zu erkennen ist der schmale Pfad, der uns durch das grüne Bryant Creek Valley hinaufführt.

Auf einmal erstarrt mein Begleiter und deutet mir mit einem hektischen Handwedeln an zu warten. Sein Blick ist fest auf eine Tanne am Wegesrand gerichtet. Ich frage mich, was er entdeckt hat. Als ich mich vorsichtig ein paar Schritte genähert habe, sehe ich es auch. Gut versteckt auf einem Ast sitzt ein Tannenhuhn und beobachtet uns mit einem starren Blick. Schließlich gewinnt der Fluchtinstinkt die Oberhand, und der schöne Vogel verschwindet halb hopsend, halb fliegend im dichten Blätterdach über uns. Als er endgültig aus unserem Blick verschwunden ist, ziehen wir weiter.

Rauschende Bergbäche kreuzen fortan unseren Weg. Ein Gemeines Rothörnchen, seine Zähne tief in einem Zapfen vergraben, beobachtet uns aus dem Schutz einer knorrigen Tanne. Erst bei einer steinigen Lichtung, eingerahmt von kleinwüchsigen Felsengebirgs-Tannen, gönnen wir uns wieder eine kurze Verschnaufpause und genießen den Blick zurück auf die endlosen Wälder, die sich das Tal hinabziehen. An den kahlen Wänden des Cascade Rock (2880m) kleben noch immer zerrissene Nebelschwaden.

Die Wälder des Bryant Creek Valley in den Kanadischen Rockies.

Von unserem Pausenplatz blicken wir zurück auf die endlosen Wälder.

Planänderung am Assiniboine Pass

Gegen neun Uhr stehen wir endlich am Assiniboine Pass, der Grenze zwischen Alberta und British Columbia. Ein schweißtreibender Aufstieg liegt hinter uns. Meine müden Füße sehnen sich nach etwas Rast, mein leerer Magen nach etwas Proviant. Mein Begleiter lässt sich glücklicherweise zu einer Brotzeitpause überreden. Schnell haben wir unsere Schultern von der Last der Rucksäcke befreit.

Während ich meine Wasserflasche herauskrame, stapft mein Freund hinüber zu der großen Holztafel neben dem Grenzstein. Sie hält einige Informationen zur Mt. Assiniboine Lodge (2180m) und der Lake Magog Campsite (2190m) bereit. Angeblich soll es dort auch einen Park Ranger geben. Jetzt fangen wir an zu grübeln, ob wir eventuell doch noch einen Platz am Lake Magog bekommen könnten. Vielleicht hat das wechselhafte Wetter der letzten Tage ja doch den ein oder anderen Wanderer abgeschreckt? Wir entscheiden uns, einfach einmal bei der Lodge nachzufragen. Es wäre auf jeden Fall besser, als die Nacht am fernen Og Lake zu verbringen. Hoffnungsvoll ziehen wir weiter.

Bildergalerie: Der Assiniboine Loop (Etappe 2)

Nach einem kurzen Abstieg breiten sich schon bald die O’Brian Meadows vor uns aus. Das weite Hochtal, das von mehreren kleinen Rinnsalen durchzogen wird, wimmelt nur so vor Columbia-Zieseln. Wie winzige Wachmänner stehen die possierlichen Nager aufrecht in der grünen Wiesenlandschaft und halten Ausschau, ob nicht von irgendwo Gefahr droht.

Doch faszinierender als das putzige Spiel der Ziesel ist mittlerweile der Blick voraus. Hinter dem dunklen Nadelwald, der die Aue im Westen begrenzt, zeigt sich zum ersten Mal der majestätische Mount Assiniboine (3618m). Während die Spitze des markanten Horns noch von dichten weißen Wolken verhüllt wird, haben wir einen prächtigen Blick auf seine gigantischen Gletscher. Auch auf dem Mount Magog (3095m) zu seiner Linken lasten massive Eismassen. Beeindruckt lassen wir unsere Augen über den gewaltigen Eisbalkon schweifen, der gefährlich über seiner Nordwand baumelt. Was für ein Anblick!

Der Gletscher auf dem Mount Magog in den Kanadischen Rockies.

Ein gigantischer Gletscher strömt vom kargen Haupt des Mount Magog herab.

Die Hütte der Hoffnung

Hinter einem kurzen Waldstück tauchen nach und nach plötzlich einige kleinere Hütten vor uns auf. Dann stehen wir endlich vor der Mt. Assiniboine Lodge — einer großen Blockhütte, die den Lake Magog (2145m) überblickt. Während mein Begleiter von einem Kleinen Streifenhörnchen umgarnt wird, gehe ich hinüber zur Türe und klopfe an.

Eine ältere Dame, ihr graues Haar zu einem Zopf geflochten, eine Küchenschürze um ihren Körper gebunden, tritt heraus und sieht mich fragend an.

Ich erzähle ihr davon, dass wir eigentlich eine Reservierung für die Campsite am Og Lake haben, und davon, dass wir lieber hier am Lake Magog bleiben würden — sofern dort noch Platz ist. Mit unbewegter Miene lauscht die Hüttenbetreiberin meinen Schilderungen. Dann bricht sie ihr Schweigen. »Versprechen kann ich’s nicht«, sagt sie, »aber ich schau einmal.« Dann tritt sie wieder in die Hütte und schließt die Tür.

Die Mount Assiniboine Lodge in den Kanadischen Rockies.

Bei der rustikalen Mount Assiniboine Lodge legen wir eine Pause ein.

Als wir ein paar Minuten später wieder ihre Schritte vernehmen, fahren wir hoffnungsvoll herum. »Ihr könnt unten am See zelten«, ruft sie uns leicht lächelnd zu. Jemand habe tatsächlich seine Reservierung storniert, und somit gibt es wieder einen freien Platz unten am See. Jetzt können auch wir uns ein Lächeln nicht mehr verkneifen. »Das ist großartig!«, sage ich erleichtert und bedanke mich bei ihr.

Damit sie die Reservierung ins System eintragen kann, geben wir ihr noch schnell unsere Personalien durch, dann verabschieden wir uns herzlich.

Mein Begleiter und ich können unser Glück kaum fassen. Statt dem langen Hatscher zum abgelegenen Og Lake können wir den restlichen Tag am deutlich schöneren Lake Magog genießen und heute Nachmittag eventuell sogar noch den ein oder anderen Gipfel im Umland erklimmen.

Die Mittagspause

Da es noch weit vor Mittag ist, machen wir es uns noch für eine Weile auf der Holzbank vor der Hütte gemütlich. Beim Blick über den See gönnen wir uns nochmal eine Brotzeit und beobachten, wie die niedlichen Ziesel über die umliegenden Wiesen toben. Ein Streifenhörnchen untersucht derweil, ganz ohne Scheu, die Fleece-Jacke meines Freundes, und eine Rauchschwalbe gleitet zu ihrem Nest unter dem Vordach der Lodge.

Ein Kleines Streifenhörnchen an der Mount Assiniboine Lodge in den Kanadischen Rockies.

Ein neugieriges Streifenhörnchen leistet uns bei unserem Mittagessen Gesellschaft.

Schließlich krame ich meine Wanderkarte aus dem Rucksack, damit wir den Rest des Tages planen können. Während mein Begleiter und ich das Wegenetz und die Gipfel im Umland studieren, kommt plötzlich eine ältere Koreanerin, mit Fischerhut und Sonnenbrille, auf uns zu. Sie macht einen leicht verwirrten Eindruck und fragt uns nach der Route zum Assiniboine Pass. Wir erklären ihr den Weg, doch nach ein paar Minuten kommt sie bereits zurück und fragt uns, ob man hier draußen irgendwo eine Wanderkarte kaufen könne. Da sind wir erst einmal sprachlos. Schließlich schicken wir sie hinüber zur Hütte, in der Hoffnung, dass man sich dort um sie kümmern wird. Wie sie es überhaupt hier ins Herz des Assiniboine Provincial Parks geschafft hat, wird uns ein Rätsel bleiben.

Als das Wetter immer besser zu werden scheint, packen wir wieder unsere Rucksäcke und machen uns endlich auf den Weg zur Lake Magog Campsite. Über dem Mount Assiniboine (3618m) blitzen mittlerweile die ersten blauen Stellen aus der Wolkendecke hervor. Auch ein junger Hakengimpel, dessen Schnabel noch vom Mittagessen verschmiert ist, scheint jetzt Gefallen am Wetter zu finden. Unsere Stimmung ist gut, denn wenn es so bleibt, können wir hernach wirklich noch eine kleine Bergtour unternehmen.

Der Mount Assiniboine in den Kanadischen Rockies.

Endlich blitzt der Mount Assiniboine aus den Wolken hervor.

Das zweite Nachtlager

Die gute Stimmung ist schnell verflogen. Als wir nach einer Dreiviertelstunde die Campsite erreichen, regnet es bereits wieder in Strömen. Bei einem überdachten Hinweisschild am Eingang des Zeltplatzes suchen wir daher erst einmal Schutz. Erst als der Regen nach ein paar Minuten wieder nachlässt, wagen wir uns wieder hervor.

»Das nenne ich mal einen Camping-Platz«, raunt mein Begleiter anerkennend, als wir anschließend die verworrenen Pfade des Zeltplatzes erkunden. Im Vergleich zu unserer gestrigen Schlafstätte ist das hier tatsächlich der reinste Luxus. Es gibt eine Kochstelle mit Tischen und Bänken, mehrere Bärenboxen, wo wir unser Essen verstauen können, und Plattformen für die Zelte.

Nach einigem Suchen finden wir, nicht weit von der Kochstelle entfernt, einen freien Stellplatz. Da der Regen jetzt wieder zuzunehmen scheint, beeilen wir uns mit dem Zeltaufbau und flüchten uns direkt ins Innere. Glücklicherweise ist es nur ein kurzer Schauer.

Als wir uns nach ein paar Minuten wieder aus dem Zelt wagen, sieht die Witterung schon wieder deutlich freundlicher aus. In der Hoffnung, dass es jetzt erst einmal so bleibt, schlüpfen wir wieder in die Stiefel und bereiten uns auf eine kleine Erkundungstour vor.

Der Mount Assiniboine in den Kanadischen Rockies.

Nachdem der Regen weitergezogen ist, machen wir uns wieder auf den Weg.

Zwischen den Seen

Unter dem wachsamen Blick eines Weißkopfseeadlers, der über dem Zeltplatz seine Bahnen zieht, machen wir uns auf den Weg nach Norden. Unser Gepäck ist auf das Nötigste reduziert. Eine Wasserflasche, eine Regenjacke und eine Kamera — mehr haben wir heute Nachmittag nicht dabei.

Befreit von der Last unserer Rucksäcke kommen wir flott voran. Bereits nach wenigen Minuten finden wir uns am Ufer des Sunburst Lake (2250m) wieder, hinter dem sich die Sunburst Peaks (2830m) bedrohlich aufbauen. In den tiefen Rinnen und Klüften, die den Gebirgsstock durchziehen, hält sich der Altschnee noch wacker. Wie weiße Ströme ziehen sie sich durch die Flanken nach unten zum blau-grünen Wasser des Sees. Obwohl der Anblick geradezu zu einer kleinen Pause einlädt, treiben uns die dichten Moskito-Wolken entlang des Ufers weiter.

Der Sunburst Lake in den Kanadischen Rockies.

Unser Weg führt uns zunächst am malerischen Sunburst Lake vorbei.

Kaum haben wir den Sunburst Lake hinter uns gelassen, blitzt hinter einem schmalen Waldband mit dem Cerulean Lake (2250m) bereits der nächste große Bergsee hervor. Beim Blick über das himmelblaue Wasser, dem der See seinen Namen verdankt, bemerken wir, dass sich am Horizont schon wieder etwas zusammenbraut. Das könnte schon bald sehr ungemütlich werden, und dementsprechend legen wir jetzt einen Zahn zu.

Bei einem hölzernen Wegweiser mit der Aufschrift »The Nub« verlassen wir das Tal und folgen einem schönen Wald- und Wiesenpfad den Hang hinauf. Auch wenn meine Füße mittlerweile mehr als müde sind, kämpfe ich mich im Schlepptau meines Begleiters unaufhaltsam die Serpentinen nach oben. Schließlich erreichen wir den grasigen Rücken des Kammes, wo uns gleich mehrere traumhafte Aussichtspunkte erwarten.

Der Cerulean Lake mit den Sunburst Peaks in den Kanadischen Rockies.

Hinter dem Cerulean Lake bauen sich die eindrucksvollen Sunburst Peaks auf.

The Niblet

Auf einem gut ausgetretenen Trampelpfad stapfen wir zunächst zum Niblet (2391m) hinab — einem kleinen Gratkopf am Ende des Kammes, der einen herrlichen Blick nach Süden bietet. »Schau dir das an«, rufe ich meinen Begleiter begeistert zu, als wir den Aussichtspunkt erreichen. Der Ausblick ist noch schöner, als ich es mir ausgemalt hatte. Und dabei habe ich genau dieses Panorama schon tausendmal gesehen — auf Kalendern und Tassen, und natürlich auf den Postkarten, die man in jedem kanadischen Souvenirladen, von Vancouver bis Toronto, zu sehen bekommt. Es ist zweifelsohne eines der schönsten Motive, das die Kanadischen Rockies zu bieten haben.

Der Blick vom Niblet auf den Mount Assiniboine, mit dem Lake Magog, dem Sunburst Lake und dem Cerulean Lake.

Die Landschaft rund um den Mount Assiniboine lädt zum Verweilen ein.

Wie blaue Juwelen an einer Perlenschnur liegen uns der Lake Magog, der Sunburst Lake und der Cerulean Lake jetzt zu Füßen, eingerahmt von dunklen Nadelwäldern und grellen Schuttfeldern. Direkt dahinter bauen sich die zerklüfteten Wände der Sunburst Peaks (2830m) geradezu bedrohlich auf. Doch am eindrucksvollsten ist und bleibt natürlich der Blick auf den Mount Assiniboine (3618m), dessen makelloses Horn nun zum ersten Mal in seiner vollen Pracht zu sehen ist. Im Vergleich zu diesem eindrucksvollen Massiv erscheinen die Pyramiden in Ägypten geradezu nichtig und klein — so heißt es zumindest in einem Brief des katholischen Wanderpfarrers Pierre-Jean De Smet, der im September 1845 als einer der ersten Europäer den Mount Assiniboine zu Gesicht bekam. Wir können ihm nicht widersprechen. Der Anblick ist wahrlich imposant!


The far-famed Egyptian monuments of Cheops and Chephren dwindle into nought, before this gigantic architectural cliff of nature. The natural pyramids of the Rocky mountains seem to deride the artificial skill of man...

— P.-J. De Smet (Sept. 26, 1845).


Eine weiße Wolkenfahne zieht jetzt wie Rauch über die Spitze des Horns hinweg, und man könnte fast meinen, der Berg stünde in Flammen. Es ist diese charakteristische Wolkenfahne, der der Mount Assiniboine (3618m) seinen Namen verdankt. Denn, als der kanadische Landvermesser George Dawson den Berg im Jahr 1885 zum ersten Mal besuchte, erinnerte ihn genau dieser Anblick an die rauchenden Tipis der Assiniboine-Indianer.

The Nublet

Nublet
LandKanada
GebirgeCanadian Rockies
KammMitchell Range
Höhe2540 m
Koordinaten50°55′16″N, 115°38′59″W

Nachdem wir ein paar Fotos geschossen haben, machen wir kehrt und wenden uns dem Nublet (2540m) zu. Weiße Silberwurz und Alpen-Vergissmeinnicht blühen auf den grünen Wiesen am Wegesrand. Doch schon bald werden sie von einer immer felsiger werdenden Landschaft verdrängt. Während mein Begleiter voranprescht, geht mir langsam die Puste aus. Kehre um Kehre schleppe ich mich dem Gipfel entgegen.

Das Nublet in den Kanadischen Rockies.

Ein kurzer, aber kräftezehrender Anstieg führt uns hinauf zum Nublet.

Glücklicherweise dauert das Martyrium nicht lange. Schon bald öffnet sich der Blick und eine weitläufige grüne Kuppe breitet sich vor mir aus. Meinen Begleiter entdecke ich neben dem Steinhaufen, der den höchsten Punkt des Nublet (2540m) markiert. Mit letzter Kraft schleiche ich ihm entgegen.

Während sich ein paar Eisgraue Murmeltiere auf den warmen Felsen sonnen, suchen wir uns ein schönes Plätzchen über den Seen, um zu rasten. Ein neugieriges Goldmantelziesel stattet uns schon bald einen Besuch ab und bettelt nach Futter. Aber da ist es bei uns leider an der falschen Adresse. Nachdem es unverrichteter Dinge wieder davongehuscht ist, richten wir unseren Blick wieder auf das Umland. Gletscher, Berge, Seen — das Panorama sucht seinesgleichen!

Der Blick vom Nublet auf den Mount Assiniboine.

Bei einer kurzen Gipfelpause genießen wir noch einmal das herrliche Panorama.

Rückkehr zur Campsite

Für einen Moment beäugen wir noch den Nub Peak (2746m), der sich etwas weiter nördlich in den Himmel bohrt. Doch meine Kondition ist mittlerweile am Ende, und auch das Wetter scheint nun endgültig wieder zu kippen. Ein tiefgrauer Wolkenschleier hat sich über dem Assiniboine Provincial Park breitgemacht, und es sieht so aus, als könnte jeden Moment ein Gewitter losbrechen. Dementsprechend lassen wir es für heute gut sein und kehren schnurstracks zum Zeltplatz zurück.

Der Blick vom Nublet auf den Nub Peak in den Kanadischen Rockies.

Die Besteigung des Nub Peak verschieben wir auf einen anderen Tag.

Nachdem wir zu Abend gegessen haben, verkrümelt sich mein Begleiter geradewegs ins Zelt. Ich nutze das letzte Licht des Tages hingegen noch für einen kleinen Spaziergang.

Zunächst statte ich dem silberhell sprudelnden Bach hinter dem Zelt einen kurzen Besuch ab. Flink flitzen dort die kleinen Ziesel über die grünen Wiesen und jagen einander von einem Erdloch zum anderen. Zwei der kleinen Nager kommen mir auf dem Trampelpfad sogar direkt entgegen geschossen. Es sieht so aus, als hätte der Gejagte dem Verfolger das Heu stibitzt. Als beide schließlich merken, dass sie nicht allein sind, bleiben sie schlagartig stehen und starren mich ungläubig an — wie zwei Kinder, die man beim Keksklauen erwischt hat. Dann zischen sie hinfort.

Ein Abend am Lake Magog

Nachdem ich mir am Bach meine Zähne geputzt habe, mache ich mich noch schnell auf den Weg hinab zum See. Außer mir haben sich heute Abend nur drei Angler zum steinigen Ufer des Lake Magog herabgewagt. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen abseits der Gruppe und blicke nachdenklich über das glasklare Wasser hinweg, in dem sich die grau-weißen Flanken der umliegenden Berge kaleidoskopartig spiegeln.

Der Lake Magog am Fuße des Mount Assiniboine in den Kanadischen Rockies.

Zum Tagesausklang statte ich dem Lake Magog noch einen kurzen Besuch ab.

In der friedlichen Idylle des Abends schreibe ich noch ein paar Postkarten an die Freunde in der Heimat. Gerne würde ich diesen Moment mit ihnen teilen. Erst als die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, und die verschneiten Flanken des Mount Assiniboine (3618m) in einem warmen Orange erglühen, mache ich mich auf den Weg zurück zum Zelt. Es war ein langer Tag.

Während ich in meinen Schlafsack krieche, warne ich meinen Begleiter schon einmal vor, dass ich es morgen etwas langsamer angehen lassen will. »Also vor 10 Uhr kriegst du mich morgen nicht hier weg«, sage ich ihm. Dabei geht es mir weniger um meine müden Füße, als darum, die Zeit hier am Lake Magog bis ins Letzte auszukosten. Es ist einfach zu schön hier, um gleich zur nächsten Campsite weiterzuziehen.

Als das letzte Licht des Tages über dem Park schließlich erlischt, legt sich Stille über die Campsite. Nur das Grollen der kalbenden Gletscher in der Ferne ist noch zu hören. Dann fallen uns die Augen zu.

Der Gipfel des Mount Assiniboine im letzten Licht des Tages.

Unter dem wachsamen Blick des Mount Assiniboine entschwinden wir ins Reich der Träume.

StationenDistanzDifferenzZeit
Allenby Junction Campsite
→ Assiniboine Pass +5,4 km 318 m ↑ 0 m ↓+3h 30m
→ Mount Assiniboine Lodge+2,2 km 31 m ↑ 42 m ↓+0h 30m
→ Lake Magog Campsite +2,2 km 30 m ↑ 20 m ↓+0h 30m
→ Niblet +3,2 km 210 m ↑ 9 m ↓+1h 20m
→ Nublet ✝ +0,7 km 153 m ↑ 4 m ↓+0h 20m
→ Lake Magog Campsite +3,4 km 0 m ↑ 350 m ↓+1h 00m
Gesamt 17,1 km 742 m ↑ 425 m ↓ 7h 10m

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