Reportage: Die Erstbesteigung des Matterhorn (Teil 2: Der Aufstieg) – Outdoor-Clan

Die Erstbesteigung des Matterhorn

Teil 2: Der Aufstieg


31. Juli 2015 • Autor: Edward Whymper • Übersetzer: red.


Übersicht

Vor 150 Jahren verlor das Bergsteigen mit der Erstbesteigung des Matterhorn seine Unschuld. Von Zermatt aus erklommen vier Engländer, ein Franzose und zwei schweizer Bergführer das letzte Problem der Alpen. Doch die Freude über das Erreichen des Gipfels währte nur kurz. In unserer dreiteiligen Serie widmen wir uns der tragischen Geschichte von Edward Whymper, Lord Francis Douglas, Charles Hudson, Douglas Hadow, Michel Croz, Peter Taugwalder Sr. und Peter Taugwalder Jr.

Teil 2 der Serie behandelt, wie Whymper und seine Kameraden ihre ehrgeizigen Pläne in die Tat umsetzen und zum vereisten Gipfel des Matterhorn hinaufsteigen.

Der folgende Text ist ein Auszug aus Edward Whympers autobiografischem Werk Scrambles Amongst the Alps in the Years 1860-69 (Kapitel 21) aus dem Jahr 1871.


Teil 1: Der Wettlauf beginnt • Teil 2: Der Aufstieg • Teil 3: Die Tragödie

Wir brachen am 13. Juli um halb sechs von Zermatt auf, an einem strahlenden und vollkommen wolkenlosen Morgen. Wir waren acht an der Zahl – Croz, der alte Peter und seine beiden Söhne, Lord Francis Douglas, Hadow, Hudson und ich. Um eine gleichförmige Bewegung zu gewährleisten, ging ein Tourist zusammen mit einem Einheimischen. Der jüngste Taugwalder wurde mir zugeteilt, und der Bursche marschierte gut. Er war stolz, bei der Expedition dabei zu sein, und glücklich, seine Stärken zeigen zu können. Mir fielen auch die Weinbeutel zu, und über den Tag hinweg füllte ich sie nach jeder Trinkpause heimlich wieder mit Wasser auf, so dass sie beim nächsten Halt voller als zuvor vorgefunden wurden! Dies wurde als gutes Omen betrachtet und für nahezu wundersam gehalten.

Am ersten Tag hatten wir nicht die Absicht, eine große Höhe zu erreichen, und daher stiegen wir sehr gemächlich hinauf, packten um 08:20 Uhr die Sachen, die in der Kapelle am Schwarzsee zurückgelassen worden waren, und gingen von dort aus über den Grat weiter, der das Hörnli mit dem Matterhorn verbindet. Um halb zwölf erreichten wir den Fuß des eigentlichen Gipfelaufbaus, verließen anschließend den Grat, und kletterten um einige Felsvorsprünge herum in die Ostwand. Wir waren nun direkt am Berg, und es überraschte uns festzustellen, dass Passagen, die vom Riffel oder sogar vom Furggengletscher vollkommen unbesteigbar erschienen, so leicht waren, dass wir herumrennen konnten.

Noch vor 12 Uhr hatten wir auf einer Höhe von 11000 Fuß eine gute Stelle für das Zelt gefunden. Croz und der junge Peter gingen weiter, um zu sehen was darüber lag, damit wir am nächsten Morgen Zeit sparen konnten. Sie liefen quer über die Felsen der verschneiten Hänge, welche zum Furggengletscher hin abfielen, und verschwanden hinter einer Ecke. Doch kurz darauf sahen wir sie weit oben in der Wand, und sie kamen schnell voran. Wir anderen bereiteten an einer gut geschützten Stelle ein solides Fundament für das Zelt vor und warteten anschließend eifrig auf die Rückkehr der Männer. Die Steine, die sie lostraten, sagten uns, dass sie sehr weit oben waren, und wir nahmen an, dass der Weg leicht sein müsse. Schließlich, um kurz vor 15 Uhr, sahen wir sie herunterkommen, augenscheinlich sehr aufgeregt. „Was sagen sie, Peter?“ „Gentlemen, sie sagen, es taugt nichts.“ Doch als sie näherkamen, hörten wir eine andere Geschichte: „Nichts außer gute Nachrichten – keine Schwierigkeit, keine einzige Schwierigkeit! Wir hätten heute problemlos zum Gipfel und zurück gehen können!“

Wir vertrieben uns die restlichen Stunden des Tageslichts: einige beim Sonnenbaden, andere zeichnend oder sich sammelnd. Und als die Sonne unterging – sie verhieß, als sie verschwand, Glorreiches für den folgenden Tag – kehrten wir zurück zum Zelt, um uns auf die Nacht vorzubereiten. Hudson kochte Tee, ich Kaffee, und dann zogen wir uns alle zurück in unsere Schlafsäcke. Die Taugwalders, Lord Francis Douglas und meine Wenigkeit belegten das Zelt, die anderen zogen es vor, draußen zu bleiben. Lange nach der Abenddämmerung hallten die Felsvorsprünge über uns mit unserem Gelächter und mit den Liedern der Führer, denn wir waren glücklich in dieser Nacht im Lager und befürchteten nichts Schlimmes.

Wir versammelten uns am 14. Juli noch vor dem Morgengrauen vor dem Zelt und brachen sofort auf, als es hell genug zum Gehen wurde. Der junge Peter begleitete uns als Führer, und sein Bruder kehrte nach Zermatt zurück. Wir folgten der Route, die am vorherigen Tag genommen worden war, und passierten in wenigen Minuten den Vorsprung, der den Blick von unserem Nachtlager auf die Ostwand blockiert hatte. Das gesamte Ausmaß dieser großen Flanke kam nun ans Tageslicht: 3000 Fuß, die wie eine riesige natürliche Treppe anstiegen. Einige Abschnitte waren mehr, andere weniger einfach, doch wir wurden nicht ein einziges Mal von irgendeinem ernsthaften Hindernis gestoppt, denn wenn wir direkt vor uns ein Hindernis antrafen, konnten wir uns immer nach rechts oder links wenden. Auf dem Großteil des Weges gab es wirklich keinen Bedarf für das Seil, und manchmal ging Hudson voraus, manchmal meine Wenigkeit. Um 06:20 Uhr hatten wir eine Höhe von 12800 Fuß erreicht und machten für eine halbe Stunde Pause. Anschließend setzten wir unseren Aufstieg ohne Pause bis 09:55 Uhr fort, als wir für 50 Minuten auf einer Höhe von 14000 Fuß stoppten. Zweimal stießen wir in den Nordostgrat und folgten ihm für eine kleine Strecke – aber zu keinem Nutzen, denn er war gewöhnlich scheußlicher, steiler und immer schwerer als die Wand. Nichtsdestoweniger blieben wir in seiner Nähe, aus Furcht, dass Steine herunterstürzen könnten.

Wir waren nun am Fuß des Abschnittes angekommen, der vom Riffelberg oder von Zermatt aus senkrecht beziehungsweise überhängend erscheint, und konnten nicht länger auf der Ostseite fortfahren. Für eine kurze Weile stiegen wir über den Schnee auf dem arête (das heißt, dem Grat), der nach Zermatt hin abfällt, nach oben und wandten uns anschließend im gemeinsamen Einverständnis nach rechts, beziehungsweise zur Nordseite. Bevor wir dies taten, änderten wir die Reihenfolge des Aufstiegs. Croz ging voraus, ich folgte, Hudson kam als Dritter. Hadow und der alte Peter waren die Letzten. „Jetzt,“ sagte Croz, als er abzweigte – „jetzt kommt etwas vollkommen anderes.“ Die Arbeit wurde schwierig und erforderte Achtsamkeit. An manchen Stellen gab es kaum Griffe, und es war wünschenswert, dass jene vorweg gehen sollten, bei denen die geringste Gefahr bestand, dass sie ausrutschen könnten. Das allgemeine Gefälle des Berges war in diesem Abschnitt weniger als 40 Grad, und Schnee hatte sich in den Spalten der Felswand gesammelt und diese ausgefüllt, so dass nur gelegentlich einige Teile hier und da herausragten. Diese waren teilweise mit einer dünnen Eisschicht überzogen, die vom Schmelzen und erneuten Einfrieren des Schnees herrührte. Es war, im kleinen Maßstab, das Gegenstück zu den oberen 700 Fuß des Pointe des Écrins. Nur gab es da diesen einen entscheidenden Unterschied: Die Wand des Écrins hatte ungefähr – oder überschritt sogar – einen Winkel von 50 Grad, und die Wand des Matterhorn hatte weniger als 40 Grad. Es war ein Ort, den jeder anständige Bergsteiger sicher meistern konnte, und Mr. Hudson stieg diesen Abschnitt hinauf – und, soweit ich weiß, den ganzen Berg – ohne die geringste Hilfe bei irgendeiner Gelegenheit in Anspruch genommen zu haben. Manchmal, nachdem ich eine Hand von Croz ergriffen hatte oder einen Ruck erhielt, drehte ich mich um, um Hudson das Gleiche anzubieten, doch er lehnte es ausnahmslos ab und sagte, es sei nicht notwendig. Mr. Hadow, jedoch, war nicht an diese Art der Arbeit gewöhnt und benötigte durchgehend Hilfe. Es ist nur gerecht zu sagen, dass die Schwierigkeiten, die er auf diesem Abschnitt hatte, vollkommen vom Mangel an Erfahrung herrührten.

Der einzig schwierige Abschnitt war nicht von großem Ausmaß. Wir umgingen ihn zunächst nahezu horizontal, ungefähr für eine Strecke von 400 Fuß, stiegen dann ungefähr 60 Fuß direkt auf den Gipfel hin zu, und kehrten anschließend zurück zum Grat, der nach Zermatt hin abfällt. Ein langer Schritt um eine ziemlich unangenehme Ecke brachte uns erneut in den Schnee. Der letzte Zweifel löste sich auf! Das Matterhorn gehörte uns! Nichts außer 200 Fuß leichten Schnees waren noch zu überwinden!

Jetzt müssen Sie Ihre Gedanken zurück zu den sieben Italienern lenken, die am 11. Juli von Breuil aufgebrochen waren. Vier Tage waren seit ihrer Abreise vergangen, und wir wurden von der Angst gequält, dass sie vor uns am Gipfel ankommen könnten. Den ganzen Weg hinauf hatten wir von ihnen geredet, und viele Falschmeldungen von „Männern am Gipfel“ waren vorgebracht worden. Je höher wir stiegen, desto intensiver wurde unsere Aufregung. Was, wenn wir im letzten Moment geschlagen werden sollten? Der Hang flachte ab. Endlich konnten wir uns voneinander lösen, und Croz und ich, davon flitzend, rannten ein Kopf-an-Kopf-Rennen, welches mit einem Unentschieden endete. Um 13:40 Uhr lag uns die Welt zu Füßen und das Matterhorn war erobert! Hurra! Kein einziger Fußabdruck konnte gesehen werden.

Es war noch nicht sicher, dass wir nicht geschlagen worden waren. Der Gipfel des Matterhorn bestand aus einem unverschämt ebenen Grat, der ungefähr 350 Fuß lang war, und die Italiener hätten am anderen Ende sein können. Ich eilte zum südlichen Ende und suchte den Schnee links und rechts eifrig ab. Nochmals Hurra! Er war unberührt. „Wo waren die Männer?“ Ich guckte über die Felskante, halb zweifelnd, halb erwartungsvoll. Ich sah sie sofort, bloße Punkte auf dem Grat in einer immensen Distanz unter mir. Hoch gingen meine Arme und mein Hut. „Croz! Croz! Komm her!“ „Wo sind sie, Monsieur?“ „Dort – siehst du sie nicht dort unten?“ „Ah! Die Halunken! Sie sind weit unten.“ „Croz, wir müssen diese Typen auf uns aufmerksam machen.“ Wir schrien bis wir heiser waren. Die Italiener schienen uns zu bemerken – wir konnten nicht sicher sein. „Croz, wir müssen sie auf uns aufmerksam machen – sie sollen uns hören!“ Ich ergriff einen Steinbrocken und schleuderte ihn hinunter, und rief meinen Begleiter an, im Namen der Freundschaft das Gleiche zu tun. Wir trieben unsere Stöcke in den Fels hinein und brachen ihn auseinander, und schon bald ergoss sich eine Flut aus Steinen die Klippen hinunter. Diesmal gab es keinen Zweifel. Die Italiener drehten sich um und flohen.

Croz und Whmyper auf dem Gipfel des Matterhorn.

„Croz! Croz! Komm her!“

Nichtdestoweniger wünschte ich, dass der Führer jener Gruppe in diesem Augenblick neben uns hätte stehen können, denn unsere siegreichen Ausrufe überbrachten ihm die Zerstörung eines Lebenstraums. Er war der Mann – von all jenen, die versuchten das Matterhorn zu besteigen – der es am meisten verdiente, als Erster auf dem Gipfel zu sein. Er war der Erste, der seine Unzugänglichkeit anzweifelte, und er war der einzige Mann, der immer daran glaubte, dass eine Besteigung erfolgen würde. Es war das Ziel seines Lebens, die Besteigung von der italienischen Seite aus zu machen, zur Ehre seines Heimattals. Für eine Zeit lang hielt er die Karten in der Hand: Er spielte sie, wie er es für richtig hielt, doch er machte einen Fehler und verlor. Die Zeiten für Carrel haben sich geändert. Seine Vormachtstellung wird im Val Tournanche hinterfragt; neue Männer sind hervorgetreten, und er wird nicht länger als der alles überragende Jäger angesehen; aber solange er der Mann bleibt, der er heute ist, solange wird es nicht einfach sein, einen Besseren zu finden.

Die anderen waren angekommen, also gingen wir zum nördlichen Ende des Grates zurück. Croz nahm nun eine Zeltstange und steckte sie in den höchsten Schnee. „Ja“, sagten wir, „dort ist die Fahnenstange, aber wo ist die Fahne?“ „Hier ist sie,“ antwortete er, zog sein Hemd aus und brachte es an der Stange an. Es war eine erbärmliche Fahne, und es gab keinen Wind, um sie flattern zu lassen. Nichtsdestoweniger wurde sie von überall aus gesehen. Man sah sie in Zermatt, vom Riffel, im Val Tournanche. In Breuil schrien die Beobachter: „Der Sieg gehört uns!“ Sie erhoben ihre „Bravos“ für Carrel und „Vivas“ für Italien und eilten herum, um sich für die Feier herzurichten. Am nächsten Tag wurden sie aufgeklärt. Alles war anders: die Erkunder kehrten traurig zurück – niedergeschlagen – entmutigt – bestürzt – bedrückt. „Es ist wahr,“ sagten die Männer. „Wir haben sie selbst gesehen – sie haben Steine auf uns geschleudert! Die alten Legenden sind wahr – es gibt Geister auf der Spitze des Matterhorn!“

Der Gipfel des Matterhorn im Jahr 1865 (Nördliches Ende).

Der Gipfel des Matterhorn im Jahr 1865 (Nördliches Ende).

Wir kehrten zurück zum südlichen Ende des Grates, um einen Steinmann zu bauen, und dann erwiesen wir der Aussicht unsere Ehrerbietung. Es war einer jener höchst ruhigen und klaren Tage, welche gewöhnlich schlechtem Wetter vorausgehen. Die Atmosphäre war vollkommen ruhig und frei von jeglichen Wolken oder Schwaden. Berge, fünzig – nein, einhundert – Meilen entfernt, sahen scharf und nah aus. All ihre Einzelheiten – Grat und Fels, Schnee und Gletscher – standen mit einer makellosen Klarheit heraus. Angenehme Erinnerungen an glückliche Tage aus längst vergangenen Jahren kamen ungefragt hervor, als wir die alten, bekannten Formen wiedererkannten. Sie alle zeigten sich uns – nicht einer der bedeutenden Alpengipfel lag versteckt. Noch heute sehe ich sie klar vor mir – die großen inneren Kreise der Giganten, umringt von den Kämmen, Ketten und Massiven. Zuerst kam der Dent Blanche, altehrwürdig und gewaltig; das Gabelhorn und das spitzige Rothhorn, und anschließend das einzigartige Weisshorn; die gewaltigen Mischabelhörner, flankiert vom Allalinhorn, Strahlhorn und dem Rimpfischhorn; dann der Monte Rosa mit seinen vielen Spitzen, der Lyskamm und das Breithorn. Dahinter lag das Berner Oberland, dominiert vom Finsteraarhorn, dem Simplon und der St. Gotthard Gruppe, dem Monte Disgrazia und dem Ortler. Im Süden blickten wir auf Chivasso in der Piemont-Ebene und noch viel weiter. Der Monte Viso – 100 Meilen entfernt – schien uns sehr nah; die Seealpen – 130 Meilen entfernt – waren unverschleiert. Dann kam meine erste Liebe – der Pelvoux; der Écrins und die Meije; die Gruppen der Grajischen Alpen; und zu guter Letzt, im Westen, schön im vollen Licht der Sonne, erhob sich der König von allen – der Mont Blanc. 10000 Fuß unter uns lagen die grünen Felder von Zermatt, mit Almhütten gesprenkelt, aus denen blauer Rauch behäbig aufstieg. 8000 Fuß unter unser, auf der anderen Seiten, lagen die Almen von Breuil. Da gab es dunkle, finstre Wälder und strahlende, lebhafte Weiden; reißende Wasserfälle und ruhige Seen; fruchtbare Ländereien und wilde Einöden; sonnige Ebenen und eisige Plateaus. Da gab es die wildesten Formen und die anmutigsten Konturen – kühne, senkrechte Felswände und weiche, hüglige Hänge; felsige Berge und verschneite Berge, trist und finster oder glitzernd und weiß, mit Wänden, Türmen, Zinnen, Pyramiden, Kuppeln, Kegeln und Spitzen! Es gab jede Kombination, die die Welt geben, und jeden Kontrast, den das Herz wünschen konnte.

Wir blieben eine Stunde lang auf dem Gipfel –

Eine volle Stunde herrlichen Lebens.

Sie verging viel zu schnell, und wir begannen, uns für den Abstieg vorzubereiten.


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