Reportage: Die Erstbesteigung des Matterhorn (Teil 1: Der Wettlauf beginnt) – Outdoor-Clan

Die Erstbesteigung des Matterhorn

Teil 1: Der Wettlauf beginnt


24. Juli 2015 • Autor: Edward Whymper • Übersetzer: red.


Übersicht

Vor 150 Jahren verlor das Bergsteigen mit der Erstbesteigung des Matterhorn seine Unschuld. Von Zermatt aus erklommen vier Engländer, ein Franzose und zwei schweizer Bergführer das letzte Problem der Alpen. Doch die Freude über das Erreichen des Gipfels währte nur kurz. In unserer dreiteiligen Serie widmen wir uns der tragischen Geschichte von Edward Whymper, Lord Francis Douglas, Charles Hudson, Douglas Hadow, Michel Croz, Peter Taugwalder Sr. und Peter Taugwalder Jr.

Teil 1 der Serie behandelt das erste Aufeinandertreffen der sieben Bergsteiger und ihren Wettlauf gegen eine italienische Seilschaft unter der Führung von Jean-Antoine Carrel.

Der folgende Text ist ein Auszug aus Edward Whympers autobiografischem Werk Scrambles Amongst the Alps in the Years 1860-69 (Kapitel 20) aus dem Jahr 1871.


Teil 1: Der Wettlauf beginnt • Teil 2: Der AufstiegTeil 3: Die Tragödie

[...] Am 07. Juli überquerten wir auf dem Weg nach Breuil den Va Cornere Pass. Meine Gedanken waren auf das Matterhorn fixiert, und meine Führer wussten, dass ich sie als Begleiter haben wollte. Sie hatten eine Abneigung gegenüber dem Berg und äußerten mehrfach ihre Ansicht, dass ein Besteigungsversuch sinnlos sei. „Alles außer das Matterhorn, teurer Herr!“ sagte Almer – „alles außer das Matterhorn.“ Er sprach nicht von Schwierigkeiten oder Gefahren, noch wollte er sich vor der Arbeit drücken. Er bot an, überall hinzugehen, aber er flehte inständig darum, das Matterhorn aufzugeben. Beide Männer sprachen höflich genug. Sie dachten nicht, dass eine Besteigung möglich wäre, und für ihr eigenes Ansehen als auch um meinetwillen wünschten sie, keine Unternehmung durchzuführen, die ihrer Meinung nach nur zum Verlust von Zeit und Geld führen würde.

Ich schickte sie über die Abkürzung nach Breuil und ging das Val Tournanche hinunter, um nach Jean-Antoine Carrel zu suchen. Er war nicht dort. Die Dorfbewohner sagten, dass er und drei andere am 06. Juli aufgebrochen waren, um das Matterhorn über den alten Weg zu versuchen, auf eigene Kosten. Sie werden kein Glück haben, dachte ich mir, denn die Wolken hingen tief über den Bergen; und so ging ich hoch nach Breuil, vollkommen sicher, sie dort anzutreffen. Ich wurde auch nicht enttäuscht. Ungefähr auf dem halbem Weg nach oben sah ich auf der anderen Seite des Sturzbaches eine Gruppe von Männern um eine Alm geschart, und als ich übersetzte, erkannte ich, dass die Seilschaft zurückgekommen war. Jean-Antoine und Cæsar waren dort, C. E. Gorret und J. J. Maquignaz. Sie hatten keinen Erfolg gehabt. Das Wetter, sagten sie, sei schrecklich gewesen, und sie hatten kaum den Lion-Gletscher erreicht.

Jean-Antoine Carrel.

Jean-Antoine Carrel (1869).

Ich erklärte Carrel die Sachlage und schlug vor, dass wir – zusammen mit Cæsar und einem weiteren Mann – den Theodulpass am 09. Juli bis zum Mondschein überqueren sollten, und dass wir am 10. Juli das Zelt soweit oben in der Ostwand wie möglich aufstellen sollten. Er war nicht bereit, die alte Route aufzugeben und drängte mich, sie noch einmal zu versuchen. Ich versprach es zu tun, vorausgesetzt die neue Route wäre ein Misserfolg. Dies stellte ihn zufrieden und er stimmte meinem Vorschlag zu. Dann ging ich hoch nach Breuil und entließ Almer und Biener – mit viel Bedauern, denn keine zwei Männer hatten mir je treuer und bereitwilliger gedient. Am nächsten Tag gingen sie nach Zermatt.

Der 08. Juli wurde von Vorbereitungen vereinnahmt. Das Wetter war stürmisch und schwarz, regnerische Schwaden verbargen die Berge. Gegen Abend kam ein junger Mann vom Val Tournanche und berichtete, dass dort ein äußerst kranker Engländer liegen würde. Nun war die Zeit für die Ausübung meines Schwurs, und am Morgen des Sonntags, dem 09. Juli, ging ich das Tal hinunter, um nach dem kranken Mann zu sehen. Auf meinem Weg begegnete ich einem fremden Gentleman mit einem Maultier und einigen Trägern, die mit Gepäck beladen waren. Unter diesen Männern waren Jean-Antoine und Cæsar, die ein paar Barometer trugen. „Hallo!“ sagte ich, „Was macht ihr da?“ Sie erklärten, dass der Fremde just in dem Moment angekommen war, als sie aufbrechen wollten, und dass sie nun seine Träger unterstützten. „Nun gut: Geht weiter nach Breuil und wartet dort auf mich – wir brechen um Mitternacht auf, wie verabredet.“ Jean-Antoine sagte dann, dass er mir nur noch bis Dienstag, den 11. Juli, dienen könne, da er berufen worden war, „mit einer Familie von Rang und Namen“ in das Aostatal zu reisen. „Und Cæsar?“ „Und Cæsar ebenso.“ „Warum hast du das nicht eher gesagt?“ „Weil,“ sagte er, „es noch nicht entschieden war. Die Abmachung bestand schon seit Langem, nur der Tag lag noch nicht fest. Als ich Freitagnacht ins Val Tournanche zurückkam, nachdem ich Sie verlassen hatte, fand ich einen Brief, der den Tag nannte.“ Ich konnte gegen die Antwort nichts einwenden, doch die Aussicht, führerlos zurückgelassen zu werden, war eine Provokation. Sie gingen das Tal hinauf, und ich hinab.

Der kranke Mann erklärte, dass er sich besser fühle, doch die Strapazen des Sprechens ließen ihn in einem Ohnmachtsunfall auf den Boden fallen. Ihm mangelte es dringend an Medizin, und ich marschierte runter nach Chatillon, um sie zu holen. Es war schon spät, als ich ins Val Tournanche zurückkehrte, denn das Wetter war stürmisch und der Regen fiel in Strömen. Eine Gestalt kam mir unter dem Kirchenvorbau entgegen. “Qui vive?” “Jean-Antoine.” “Ich dachte, Sie wären in Breuil.“ „Nein, mein Herr. Als der Sturm aufzog, wusste ich, dass wir heute Nacht nicht aufbrechen sollten, und so kam ich herunter, um hier zu schlafen.“ „Ha, Carrel!“, sagte ich, „Das ist wirklich bedauerlich. Falls es morgen nicht heiter ist, haben wir keine Möglichkeit, gemeinsam etwas zu unternehmen. Ich habe meine Führer weggeschickt, mich auf Sie verlassen, und jetzt verlassen Sie mich, um mit einer Gesellschaft von Frauen herumzureisen. Diese Arbeit passt doch nicht zu Ihnen.“ (Er lächelte; ich vermutete, über das implizierte Kompliment.) „Könnt Ihr nicht jemand anderen schicken?“ „Nein, mein Herr. Es tut mir Leid, doch ich habe mein Wort gegeben. Ich würde Sie gerne begleiten, doch ich kann meine Verpflichtung nicht absagen. Mittlerweile hatten wir die Tür der Gaststätte erreicht. „Nun, es ist ja nicht Ihr Fehler. Kommen Sie doch noch mit Cæsar vorbei und trinken einen Wein mit mir.“ Sie kamen, und wir saßen bis um Mitternacht in der Gaststätte des Val Tournanche und schwelgten in unseren alten Abenteuern. Das Wetter war auch am 10. Juli noch schlecht, und ich kehrte nach Breuil zurück. Die beiden Carrels trieben sich bei der obengenannten Almhütte herum, und ich verabschiedete mich von ihnen. Am Abend kroch der kranke Mann herauf, ein gutes Stück besser, doch er blieb der einzige Ankömmling. Die Montagsgruppe überquerte den Theodulpass aufgrund der andauernden Stürme nicht. Die Gaststätte war einsam. Ich ging früh zu Bett und wurde am nächsten Morgen vom Invaliden geweckt, der mich fragte, ob ich die Neuigkeiten schon gehört hatte. „Nein – Was für Neuigkeiten?“ „Nun,“ sagte er, „eine große Gruppe von Bergführern ist diesen Morgen aufgebrochen, um das Matterhorn zu versuchen. Sie haben ein mit Proviant beladenes Maultier mit sich genommen.“

Ich ging zur Tür und sah mit meinem Teleskop die Gruppe auf den unteren Hängen des Berges. Favre, der Wirt, stand daneben. „Was geht da vor sich?“ fragte ich. „Wer ist der Führer dieser Gruppe?“ „Carrel.“ „Was! Jean-Antoine?“ „Ja, Jean-Antoine.“ „Ist Cæsar auch dabei?“ „Ja, er ist dort.“ Ich erkannte sofort, dass man mich beschwindelt und reingelegt hatte, und erfuhr nach und nach, dass die Angelegenheit schon seit Langem geplant gewesen war. Der Aufbruch am 06. Juli diente einer vorläufigen Erkundung; das Maultier, das ich passiert hatte, transportierte Vorräte für den Angriff; die „Familie von Rang und Namen“ war Signor F. Giordano, der die Gruppe gerade entsandt hatte, um den Weg zum Gipfel zu ermöglichen, und der – wenn die Vorbereitungen abgeschlossen waren – gemeinsam mit Signor Sella zum Gipfel gebracht werden sollte!

Ich war zutiefst gedemütigt. Meine Planungen waren umgestoßen: Die Italiener waren mir offensichtlich zuvorgekommen, und ich merkte, wie der scharfsinnige Favre über mein Unbehagen kicherte, denn die Route über die Ostwand, sofern erfolgreich, würde seiner Gaststätte nicht zugutekommen. Was sollte nun getan werden? Ich zog mich in mein Zimmer zurück und studierte – von etwas Tabak beruhigt – noch einmal meine Pläne, um zu sehen, ob es nicht möglich wäre, die Italiener auszumanövrieren. „Sie haben eine Maultierladung voll Proviant mitgenommen.“ Das ist ein Punkt zu meinen Gunsten, denn sie werden zwei oder drei Tage brauchen, um das Essen hochzubringen, und bis dahin wird keine Arbeit vollbracht werden. „Wie ist das Wetter?“ Ich ging zum Fenster. Der Berg erstickte in Nebel – ein weiter Punkt zu meinen Gunsten. „Sie sind dabei, den Weg zu präparieren. Nun, falls sie das anständig machen wollen, wird es eine lange Zeit dauern.“ Alles in allem nahm ich an, dass sie wohl mindestens sieben Tage brauchen würden, um den Berg zu besteigen und nach Breuil zurückzukehren. Ich wurde ruhiger, denn es war klar, dass die Hinterlistigen letztlich doch überlistet werden könnten. Es war genug Zeit, um nach Zermatt zu gehen, die Ostwand zu versuchen, und, sollte diese sich als unbesteigbar herausstellen, nach Breuil zurückzukommen, bevor die Männer wieder da waren. Und dann schien es mir, man könnte – da der Berg nicht verriegelt war – zur selben Zeit wie die Herren aufbrechen und doch vor ihnen zum Gipfel kommen.

Zuerst musste ich nach Zermatt gehen. Leichter gesagt als getan. Die sieben Führer auf dem Berg waren unter anderem die fähigsten Männer des Tals, und keiner der gewöhnlichen Maultiertreiber war in Breuil. Für mein Gepäck brauchte ich mindestens zwei Träger, doch ich konnte keine Menschenseele finden. Ich lief herum und wandte mich in alle Richtungen, aber kein einziger Träger konnte aufgetrieben werden. Einer war bei Carrel, ein anderer war krank, wieder ein anderer war in Chatillon, und so weiter. Sogar Meynet, der Bucklige, konnte nicht bewogen werden zu kommen: Er war mitten in irgendwelchen wichtigen Käserei-Angelegenheiten. Ich war in der Lage eines Generals ohne Armee: es war schön und gut Pläne zu machen, aber es gab niemanden, um sie umzusetzen. Dies beunruhigte mich nicht allzu sehr, denn es war klar, dass solange das Wetter den Verkehr über den Theodulpass beeinträchtigte, es gleichermaßen die Männer am Matterhorn behindern würde. Und ich wusste, dass – sobald es sich bessert – Begleiter eintrudeln würden. Gegen Mittag am Dienstag, den 11. Juli, wälzte sich eine große Gruppe von Zermatt ins Blickfeld, angeführt von einem flinken, jungen Engländer und einem der Söhne des alten Peter Taugwalder. Ich ging unverzüglich zu diesem Gentleman, um herauszufinden, ob er auch ohne Taugwalder auskommen könnte. Er sagte, das könne er nicht, da sie am folgenden Tag nach Zermatt zurückkehren wollten, aber dass der junge Mann mir beim Transport meines Gepäcks helfen sollte, da er nichts zu tragen hatte. Wir kamen ganz natürlich ins Gespräch. Ich erzählte meine Geschichte und erfuhr, dass der junge Engländer Lord Francis Douglas war, dessen jüngste Heldentat – die Besteigung des Gabelhorns – mein Erstaunen und meine Bewunderung angeregt hatten. Er brachte gute Nachrichten. Der alte Peter war kürzlich erst jenseits des Hörnlis gewesen und hatte berichtet, eine Besteigung des Matterhorns wäre seiner Meinung nach über diese Seite möglich. Almer hatte Zermatt verlassen und konnte nicht aufgefunden werden; so entschied ich mich, den alten Peter aufzusuchen. Lord Francis Douglas äußerte ein heißes Verlangen, den Berg zu besteigen, und kurzerhand war es beschlossene Sache, dass er an der Expedition teilnehmen sollte.

Favre konnte unsere Abreise nicht länger aufhalten und gab uns einen seiner Männer. Wir überquerten den Theodulpass am Mittwochmorgen, dem 12. Juli, umrundeten den Fuß des Oberen Theodulgletschers, überquerten den Furggengletscher und deponierten ein Zelt, Decken, Seile und andere Sachen in der kleinen Kapelle am Schwarzsee. Alle vier waren schwer beladen, denn wir brachten meine ganze Ausrüstung von Breuil herüber. Allein vom Seil gab es mehr als 600 Fuß. Es gab drei Arten: erstens, 200 Fuß Manila-Seil; zweitens: 150 Fuß eines Seils, das robuster und vermutlich stärker war als das erste; und drittens, mehr als 200 Fuß eines Seils, das leichter und schwächer als das erste war, von einer Sorte, das ich früher nutzte (robustes Gewichtsseil). Wir stiegen nach Zermatt hinab, suchten und engagierten den alten Peter, und gaben ihm die Erlaubnis, einen weiteren Führer zu wählen. Als wir zum Monte Rosa Hotel zurückkehrten, wen anders sollten wir dort auf der Mauer an der Vorderseite sitzen sehen als meinen alten Führer, Michel Croz! Ich nahm an, er sei zusammen mit Mr. B — — gekommen, doch ich erfuhr, dass jener Gentleman in schlechtem Gesundheitszustand in Chamonix eingetroffen war und nach England zurückkehren musste. Croz, der somit ungebunden war, wurde sofort von Reverend Charles Hudson engagiert, und sie waren nach Zermatt gekommen mit demselben Ziel wie wir – nämlich die Besteigung des Matterhorns zu versuchen!

Michel Croz.

Michel-August Croz (1865).

Lord Francis Douglas und ich speisten im Monte Rosa und waren gerade fertig geworden, als Mr. Hudson mit einem Freund den Speisesaal betrat. Sie waren gerade von einer Inspektion des Berges zurückgekommen, und ein paar Faulenzer im Raum fragten nach ihren Absichten. Wir hörten eine Bestätigung von Croz’ Aussage und erfuhren, dass Mr. Hudson beabsichtigte, am nächsten Tag zur selben Stunde wie wir aufzubrechen. Wir verließen den Raum, um uns zu beraten, und wir waren uns einig, dass es nicht wünschenswert sei, dass zwei unabhängige Gruppen zur selben Zeit mit demselben Ziel am Berg wären. Mr. Hudson wurde daraufhin eingeladen, uns zu begleiten, und er akzeptierte unseren Vorschlag. Bevor wir seinen Freund, Mr. Hadow, in die Gruppe aufnahmen, fragte ich als vorbeugende Maßnahme, was er in den Alpen schon geleistet hätte, und, soweit ich mich erinnere, war Mr. Hudsons Antwort: „Mr. Hadow hat den Mont Blanc schneller gemacht als die meisten Männer.“ Anschließend erwähnte er einige andere Exkursionen, die mir nicht bekannt waren, und fügte als Antwort auf eine weitere Frage hinzu: „Ich erachte ihn als einen hinreichend guten Mann, um mit uns zu gehen.“ Mr. Hadow wurde ohne weitere Fragen aufgenommen, und wir gingen dann der Sache der Bergführer nach. Hudson dachte, dass Croz und der alte Peter genügen würden. Die Frage wurde an die Männer selbst weitergegeben, und sie hatten keine Einwände.

So wurden Croz und ich erneut zu Kameraden, und als ich mich auf mein Bett schmiss und versuchte einzuschlafen, dachte ich über die komische Serie von Zufällen nach, die uns zuerst getrennt und schließlich wieder zusammengeführt hatte. Ich dachte an den Fehler, durch den er das Angebot von Mr. B — — akzeptiert hatte; an seine Unwilligkeit, meine Route anzunehmen; von seiner Empfehlung, unsere Energien dem Mont Blanc Massiv zuzuwenden; an die Entlassung von Almer und Biener; an die Desertation von Carrel; an die Ankunft von Lord Francis Douglas; und zu guter Letzt an unsere zufällige Begegnung in Zermatt; und als ich über all diese Sachen nachdachte, konnte ich nicht anders, als mich zu fragen: „Was kommt als nächstes?“ Wenn irgendein Glied von dieser tödlichen Verkettung der Zufälle ausgelassen worden wäre, was für eine andere Geschichte hätte ich zu erzählen!


Teil 1: Der Wettlauf beginntTeil 2: Der AufstiegTeil 3: Die Tragödie