Ein Abend in Zermatt

Spurensuche im Schatten des Matterhorn


28.08.2015 • Autor: red.


Übersicht

Zermatt, der 13. Juli 1865. Gemeinsam mit sechs Kameraden bricht Edward Whymper auf, um das Unmögliche zu versuchen: die Besteigung des Matterhorn (4478m). Die tragische Geschichte der Erstbesteiger wird nicht nur zum Wendepunkt des Alpinismus, sondern verwandelt die verschlafene Gemeinde im Wallis zu einem pulsierenden Ferienort. Für unsere neue Reportage haben wir uns in Zermatt auf Spurensuche begeben.

Die Geburt eines Mythos

Zermatt, die beschauliche Gemeinde im Herzen des Wallis, gehört zu den beliebtesten Reisezielen der Schweiz. Jährlich strömen über zwei Millionen Touristen aus aller Welt in das kleine Bergdorf am Fuße des Matterhorn (4478m). Hier treffen sich ambitionierte Alpinisten und wohlhabende Jetsetter, begeisterte Skifahrer und Mitglieder der Hautevolee. Doch das war nicht immer so.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verirrte sich kaum ein Reisender in die kleine, bäuerliche Ortschaft am oberen Ende des Mattertals. Zwar hatten sich einige Naturforscher aufgemacht, um die Berge und Täler rund um Zermatt zu studieren, doch von einem Touristenboom konnte kaum die Rede sein.

Der Aufschwung begann erst 1865 mit Edward Whymper – einem britischen Illustrator und Abenteurer. Der gebürtige Londoner hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Er wollte als erster Mensch das Matterhorn besteigen! Lange Zeit galt der beeindruckende Felsgigant aufgrund seiner abweisenden Gestalt als unbezwingbar. Die Einheimischen glaubten sogar, der Gipfel sei verflucht und würde von Dämonen und bösen Geistern bevölkert. Doch Whymper ließ sich von den Unkenrufen nicht abschrecken.

Majestätisch thront das Matterhorn über Zermatt.

Nach einigen Fehlschlägen gelang dem Engländer am 14. Juli 1865 schließlich das, was alle für unmöglich gehalten hatten. Gemeinsam mit sechs Kameraden schlägt er sich von Zermatt aus bis zum Gipfel durch. „Um 13:40 Uhr lag uns die Welt zu Füßen und das Matterhorn war erobert!“, erinnert sich der britische Abenteurer später in seinen Memoiren.

Doch der Triumph wird zur Tragödie. Beim Abstieg verunglücken vier der sieben Erstbesteiger. Ohnmächtig müssen die Verbliebenen mit ansehen, wie ihre Kameraden 1400 Meter die Nordwand hinunterstürzen. Das Drama am Matterhorn verbreitet sich wie ein Lauffeuer und macht Zermatt über Nacht weltbekannt. Zur Feier des 150. Jahrestages der Erstbesteigung haben wir uns in der kleinen Gemeinde auf Spurensuche begeben.

Hotels, Restaurants und Boutiquen prägen heute das Bild in Zermatt.

Ein pulsierender Ferienort

Es ist ein herrlicher Sommerabend, als wir mit dem Gletscher-Express am Bahnhof in Zermatt eintreffen. Auf dem Bahnhofsplatz herrscht heute – wie so oft – ein reges Treiben. Zahlreiche Touristen flanieren gemütlich an den Schaufenstern der Sportgeschäfte vorbei, und einige Elektro-Taxis zischen lautlos über das altehrwürdige Kopfsteinpflaster. Andere Autos sind auf den Straßen Zermatts nicht erwünscht, da man die Luftverschmutzung in der kleinen Ortschaft möglichst gering halten möchte. Der Feinstaub könnte ja die Sicht auf das Matterhorn (4478m) stören, so heißt es. Vorbei an zahlreichen Hotels und noblen Restaurants schlendern wir auf der Bahnhofstrasse langsam gen Süden.

Das Monte Rosa Hotel

Unsere erste Station ist das Monte Rosa Hotel. Die prachtvolle Herberge im Herzen Zermatts wurde im Jahr 1855 von Alexander Seiler, einem Schweizer Hotelpionier, eröffnet und avancierte schnell zu einer beliebten Anlaufstelle für Mitglieder des britischen Alpine Clubs. Im Lauf der Jahre nächtigten zahlreiche bekannte Bergsteiger in dem imposanten Gasthaus, wie zum Beispiel Christopher Smyth und Lucy Walker. Doch vor allem ein Name ist besonders eng mit dem Monte Rosa Hotel verbunden: Edward Whymper.

Das Monte Rosa Hotel war der Ausgangspunkt vieler großer Bergtouren.

Am Abend des 12. Juli 1865 saß dieser im Speisesaal des Monte Rosa Hotels und schmiedete mit seinen Landsmännern Lord Francis Douglas, Charles Hudson und Douglas Hadow einen tollkühnen Plan. Gemeinsam wollten sie früh am nächsten Morgen aufbrechen, um das Unmögliche zu versuchen: die Besteigung des Matterhorn (4478m). Mehrere Versuche Whympers, den uneinnehmbar scheinenden Berg von der italienischen Seite aus zu besteigen, waren in der Vergangenheit bereits gescheitert. Doch nun sollte eine neue Route über den Hörnligrat endlich das Blatt wenden. Am nächsten Morgen, um halb sechs, machten sich die vier Briten schließlich auf den Weg. Nur einer von ihnen würde das Monte Rosa Hotel jemals wiedersehen.

Bodenplatten wie diese erinnern auch heute noch an die Erstbesteiger des Matterhorn.

Heute ist das imposante Vier-Sterne-Hotel eine der beliebtesten Adressen in Zermatt und lockt nicht nur ambitionierte Alpinisten, sondern auch viele gut betuchte Gäste an. Auch wenn die markante Fassade des Belle-Époque-Baus noch aus der Anfangszeit stammt, so hat sich im Inneren des Monte Rosa seitdem doch einiges getan. Dort warten heute rustikale Zimmer, moderne Bäder und ein pompöser Speisesaal auf die Gäste. Lediglich eine Gedenktafel am Eingang erinnert noch an die Ereignisse von 1865.

Rund um den Kirchplatz

Nur einige Meter vom Monte Rosa Hotel entfernt befindet sich mit dem Kirchplatz einer der beliebtesten Treffpunkte Zermatts. Unzählige Touristen flanieren hier über das holprige Kopfsteinpflaster oder genießen auf einer der schönen Parkbänke eine kleine Auszeit. Auch der sogenannte Murmeli-Brunnen gegenüber der Kirche scheint heute Abend einmal wieder viele Leute anzulocken. Zeitweise herrscht auf dem Kirchplatz ein regelrechtes Gedränge. Was Whymper und seine Begleiter wohl zu diesem Trubel gesagt hätten? An jenem verhängnisvollen Donnerstagmorgen im Jahr 1865, als die Seilschaft sich auf dem Weg zum Matterhorn (4478m) machte, waren die schmalen Straßen und Gassen von Zermatt wohl eher wie ausgestorben.

Ein beliebtes Fotomotiv: die bronzenen Murmeltiere am Kirchplatz.

Lichterspiel am Matterhorn

Auf Whympers Spuren schlendern wir nun weiter zum südlichen Ortsende, um endlich einen ungestörten Blick auf das Wahrzeichen Zermatts zu erhaschen. Während das Matterhorn (4478m) bereits einige Male zwischen den Häusern leicht hervorblitzte, zeigt es sich hier nun zum ersten Mal in seiner vollen Pracht. Eindrucksvoll erhebt sich die verschneite Nordwand im Abendrot, während über dem Theodulpass einige Quellwolken aufsteigen. „Incroyable!“, entfährt es einer französischen Touristin neben uns. Treffender könnte man es nicht ausdrücken.

Kurz vor dem Sonnenuntergang glüht das Matterhorn im Abendrot.

Sprachlos studieren wir die felsigen Flanken und Grate des Horu – wie die Zermatter das Matterhorn liebevoll nennen – und versuchen die Route der Erstbesteiger nachzuempfinden. Für ihren Aufstieg wählte die Gruppe um Whymper damals den steilen Nordostgrat, der heute auch als Hörnligrat bekannt ist. „Einige Abschnitte waren mehr, andere weniger einfach“, schreibt Whymper, doch im Großen und Ganzen erschien die neue Route „wie eine riesige natürliche Treppe.“ Am frühen Nachmittag des 14. Juli 1865 erreichte die siebenköpfige Seilschaft schließlich den Gipfel. Das letzte Problem der Alpen war endlich gelöst!

Mit einer eindrucksvollen Lichtshow wird in Zermatt auch heute noch der Leistung von Whymper und seinen Begleitern gedacht. Im Rahmen der 150-Jahr-Feier wurden zu diesem Zweck 50 Lampen am Hörnligrat angebracht, die dreimal pro Nacht die Route der Erstbesteiger nachzeichnen. Noch bis Ende September 2015 wird das Schauspiel von Zermatt aus zu sehen sein.

Eine imposante Lichtshow zeichnet die Route der Erstbesteiger nach.

Ein trauriges Vermächtnis

Als die Dunkelheit sich langsam über dem Mattertal entfaltet, machen wir uns schließlich auf den Rückweg zum geschäftigen Kirchplatz. Dort wartet mit der Pfarrkirche St. Mauritius die letzte Station unserer kleinen Zeitreise. Auch jetzt am Abend tummeln sich noch zahlreiche Touristen auf den Stufen des bescheidenen Gotteshauses und blicken fasziniert hinüber zur dunklen Silhouette des Matterhorn (4478m). Erstaunlich ruhig – ja, geradezu friedlich – ragt die markante Spitze hinter einigen Dächern hervor. Doch der Schein täuscht...

In den letzten 150 Jahren sind am Matterhorn mehr Bergsteiger verunglückt als an irgendeinem anderen Berg der Welt. Über 500 Menschen fanden hier seit der Erstbesteigung im Jahr 1865 den Tod – durch Steinschlag, Kälte oder Abstürze. Auch Whympers Seilschaft blieb davon nicht verschont. Beim Abstieg verlor der unerfahrene Brite Douglas Hadow den Halt und riss in einer Kettenreaktion drei seiner Begleiter – Michel Croz, Charles Hudson und Lord Francis Douglas – mit in die Tiefe. Ungebremst stürzten die vier hinunter auf den Matterhorngletscher. „Dies alles war das Werk eines Augenblicks“, schreibt Whymper später in seinen Memoiren.

Der Erstbesteiger Michel Croz liegt am Friedhof in Zermatt begraben.

Eine Woche nach dem tragischen Unglück wurden die Überreste der verunglückten Erstbesteiger in Zermatt beigesetzt. Während die beiden Briten Hadow und Hudson unter großer Anteilnahme auf der Nordseite der Pfarrkirche bestattet wurden, fand Michel Croz auf der anderen Seite der Kirche seine letzte Ruhestätte. Der Leichnam von Lord Francis Douglas bleibt bis zum heutigen Tage verschollen.

Heute beherbergt der Bergsteigerfriedhof hinter der Pfarrkiche St. Mauritius die Gebeine von etwa 50 armen Seelen, die in den Bergen rund um Zermatt den Tod fanden. Neben Michel Croz ruhen hier auch Peter Taugwalder und dessen Sohn. Beide gehörten im Juli 1865 ebenfalls zu Whympers Seilschaft und starben erst Jahre später eines natürlichen Todes. Die Überreste von Charles Hudson und Douglas Hadow wurden hingegen umgebettet und fanden in der Englischen Kirche ihre letzte Ruhe.

Auch die Taugwalders fanden auf dem Bergsteigerfriedhof ihre letzte Ruhestätte.

Der Mythos lebt

Hier, auf dem Friedhof, endet schließlich unsere Spurensuche. Im Schein der Laternen spazieren wir langsam wieder die Bahnhofstrasse hinab – vorbei an all den Sportgeschäften und Hotels, Restaurants und Edel-Boutiquen, die das Straßenbild heute prägen. Ja, es besteht kein Zweifel: Zermatt ist nicht mehr das beschauliche Bergdorf, das es zu Whympers Zeiten einmal war. Vieles hat sich in der kleinen Gemeinde seit damals geändert. Doch der Geist der Erstbesteiger, der ist selbst heute noch allgegenwärtig!