Das Flugzeugwrack am Skyline Trail am Grouse Mountain.

Eine Reise in die Vergangenheit

Der Skyline Trail am Grouse Mountain


09. September 2017 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Besteigung des Grouse Mountain in den North Shore Mountains bei Vancouver. Meine Wanderung beginnt in den Canyon Heights (Ecke Montroyal Boulevard & Skyline Drive) und führt mich zunächst über den Skyline Trail zu den Überresten eines F-86 Sabrejets der U.S. Air Force aus dem Jahre 1954. Jenseits der Absturzstelle verlasse ich den Skyline Trail und erreiche über den SIMIC Trail schließlich das Peak Chalet. Dem Nebel zum Trotz schlage ich mich von dort aus noch bis zum Gipfel des Grouse Mountain durch. Anschließend kehre ich mit der Seilbahn wieder zurück ins Tal.

Schwierigkeit: T2GPS-Route: Download

Der lang ersehnte Regen

Verschlafen blicke ich aus dem Fenster und beobachte, wie der Fahrtwind die Wassertropfen über die Scheibe jagt. Nach langer, langer Zeit regnet es einmal wieder in Vancouver. Es ist die lang ersehnte Abkühlung nach all der Hitze und all den Waldbränden, die British Columbia dieses Jahr in Atem gehalten haben. Als plötzlich »Skyline Drive« über die LED-Anzeige flimmert, ziehe ich schnell die Signalleine. Noch ein schnelles »Thank you« an den Busfahrer, dann springe ich hinaus in den Regen.

Ein besonderer Trail

Mein heutiges Ziel ist wieder einmal der Grouse Mountain (1231m). Gefühlt war ich schon ein Dutzend Mal hier und habe dabei das überwältigende Wegenetz erkundet, welches den beliebten North Shore Gipfel erschließt. Vom touristischen Grouse Grind über den sportlichen BCMC Trail bis zum einsamen Flint & Feather Trail – jede Route hat hier ihren ganz eigenen Charakter. Dies gilt auch für meine heutige Wahl: den Skyline Trail. Dabei handelt es sich wohl um den geschichtsträchtigsten Trail am Grouse Mountain. Verfallene Seilbahnpfeiler, eingestürzte Berghütten, und ein altes Flugzeugwrack geben einen Einblick in die belebte Vergangenheit von Vancouvers Hausberg.

Ein gemütlicher Auftakt

Die ersten Meter der heutigen Tour fühlen sich noch ziemlich urban an. Bevor ich gleich in den rauen Regenwald der North Shore Mountains eintauchen darf, führt mich der Skyline Drive erst einmal durch die noble Wohngegend der Canyon Heights. Nach ein paar Minuten auf der kurvenreichen Bergstraße rückt mit dem Wanderparkplatz am Waldrand schließlich der offizielle Startpunkt der Tour in mein Blickfeld. Ehe ich mich gleich in den Dschungel begebe, werfe ich noch einen Blick auf die Infotafeln am Wegesrand, die ein paar interessante Fakten über die heimische Pflanzenwelt und die Erschließungsgeschichte der Gegend zu bieten haben. Dann wende ich mich dem Aufstieg zu. Es dauert nicht lange, bis die kurvige Teerstraße, die in den Wald hineinführt, von einer breiten Schotterpiste abgelöst wird. Die bunte Laubschicht, die den Weg bedeckt, zeigt unmissverständlich, dass der Sommer endgültig vorbei ist.

Der Skyline Drive in den Canyon Heights in North Vancouver.

Der Beginn der Tour führt mich durch die herbstlichen Canyon Heights.

Der alte Village Chair Lift

Obwohl ich direkt nach der nächsten Linksbiegung auf einen Wegweiser stoße, der sowohl den Baden-Powell Trail als auch den Skyline Trail ausschildert, schaffe ich es, mich zu verlaufen. Nach einer kurzen Irrfahrt im chaotischen Regenwald lande ich aber doch auf dem Skyline Trail. Dieser führt mich nun schnurgerade in der steinigen Schneise des alten Village Chair Lifts bergauf. Etwa eine Dekade lang beförderte der 1951 eröffnete Sessellift Touristen und Wintersportler hinauf zum »Village«, wo einst das alte Peak Chalet sowie mehrere kleinere Hütten standen. Mit der Eröffnung des Skyrides in den 1960ern bekam der Village Chair Lift jedoch Konkurrenz. Da der Unterhalt im Lauf der Jahre immer unrentabler wurde, entschied man sich in den 1970ern, den einst beliebten Sessellift endgültig aufzugeben. Am Wegesrand lassen sich auch heute noch Reste der verfallenen Liftanlage finden. Rostige Räder und Streben, von Moos überzogene Gewinde und Seile entdecke ich auf meinem Weg nach oben.

Reste des alten Village Chair Lifts am Grouse Mountain.

Direkt neben dem Skyline Trail entdecke ich noch Überreste des alten Sessellifts.

Die Ruinen einer Hütte

Doch nicht nur die Überreste des alten Sessellifts lassen erahnen, wie geschäftig diese Gegend einst gewesen sein muss. Auf etwa 800 Metern fällt mein Blick rechterhand auf ein paar vernagelte Holzbretter, die aus dem Regenwald hervorlugen. Es sind die Überreste einer alten Berghütte, die hier vor langer Zeit einmal stand. Kurz verlasse ich den Skyline Trail, um mir die Ruinen etwas genauer anzusehen. Neben ein paar rostigen Bettgestellen und Holzplanken finde ich in dem Trümmerhaufen jedoch nichts Nennenswertes. Da jetzt auch der Nieselregen zunimmt, wende ich mich wieder der Schneise zu.

Ruinen einer alten Hütte am Grouse Mountain.

Rechterhand des Skyline Trails blitzt eine verfallene Hütte aus dem Bergwald hervor.

»Ich liebe den Geruch von Glyphosat am Morgen!«

Zielstrebig folge ich dem Skyline Trail jetzt wieder bergauf. Gesäumt wird der schnurgerade Weg von Rotem Fingerhut und Riesen-Bärenklau. Obwohl es sich bei beiden Pflanzen um invasive Spezies handelt, scheint sich vor allem der Bärenklau bei der Stadtverwaltung Feinde gemacht zu haben. Wie ich einem Hinweisschild am Wegesrand entnehmen kann, hat man erst vor einer Woche versucht, dem widerstandsfähigen Doldenblütler Herr zu werden – und zwar indem man das äußerst umstrittene Herbizid Glyphosat versprühte. Ich fasse mir erst einmal an den Kopf...

Bildergalerie: Grouse Mountain (Skyline Trail)

Das Flugzeugwrack

Dann richte ich meinen Fokus aber lieber wieder auf den Skyline Trail und seine bewegte Geschichte. Immerhin erwartet mich nun das Highlight der Tour: ein altes Flugzeugwrack, das seit über 60 Jahren im dichten Bergwald versteckt liegt.

Berghistorie: Der Absturz von Lieutenant Lamar J. Barlow

Am Morgen des 12. Februar 1954 war Lieutenant Lamar J. Barlow – ein Mitglied des 465. Abfangjäger-Squadrons der U.S. Air Force – mit seinem F-86 Sabrejet von der McChord Air Force Base in Tacoma, Washington zu einer Routine-Mission aufgebrochen. Der Flug lief zunächst wie gewohnt, bis etwa 60 Kilometer nördlich von Vancouver plötzlich Barlows elektronischer Kompass ausfiel. Da das gesamte Lower Mainland an jenem Tag unter einem dichten Wolkenteppich lag, konnte sich der junge Pilot nicht am Gelände orientieren. Im Blindflug jagte Barlow über die Coast Mountains hinweg. Schließlich setzte er ein Mayday-Signal ab, das von zwei amerikanischen Stationen empfangen wurde. Per Funk versuchten Lotsen der McChord Air Force Base und der Blaine Station, den desorientierten Piloten wieder sicher zurück nach Tacoma zu geleiten.

Um 12:15 Uhr informierte Barlow die Lotsen, dass er notlanden müsse. Seine Treibstoffreserven waren nahezu aufgebraucht. Daraufhin versuchte man Barlow, den man aufgrund eines »Radar Ghosts« nahe Tacoma vermutete, zum nächsten Landeplatz zu dirigieren. Um 12:16 Uhr setzte Barlow schließlich einen letzten Funkspruch ab, bevor er in den Landeanflug überging. Dann verstummte sein Signal.

Als er durch die Wolkendecke brach, tauchte nicht – wie vermutet – der Flughafen von Tacoma vor ihm auf, sondern die bewaldeten Hänge der North Shore Mountains. Man hatte die Radarsignale falsch gedeutet. Um 12:16 Uhr zerschellte der Sabrejet schließlich an der Südflanke des Grouse Mountain.

Ray Nunn, ein Mitglieder der Skipatrouille am Grouse Mountain, befand sich gerade auf dem Weg zu seiner Hütte unterhalb des »Village«, als ihm der Geruch von Treibstoff in die Nase drang. Dann entdeckte er im Schnee die ersten Trümmerteile. Ein wahrer Schrapnellregen hatte seine Hütte – das sogenannte »Dog House« – getroffen und dabei eines der Fenster zerstört.

In aller Eile trommelte Nunn drei Freunde zusammen, um der Herkunft der Trümmer nachzugehen. Unweit der Hütte wurden sie fündig. Der Aufprall hatte das Flugzeug – mit Ausnahme des Fahrwerks und eines vier Fuß großen Rumpfstückes – nahezu pulverisiert. Zwischen den rauchenden Trümmerteilen entdeckte Paddy Sherman, ein ortsansässiger Bergsteiger und Reporter, kurz darauf auch den leblosen Körper von Barlow. Er war noch immer an seinen Sitz festgeschnallt.

Die Bergung im steilen Bergwald gestaltete sich schwierig. Da das Jagdflugzeug mit 24 Raketen bestückt war, musste die Absturzstelle großräumig abgeriegelt werden. 20 der Raketen konnten geborgen beziehungsweise gesprengt werden, vier bleiben bis heute verschollen. Nach der Entschärfung der Kampfmittel wurden alle Trümmer des Sabrejet von der Bergungsmannschaft aus dem Wald entfernt. Mit einer Ausnahme: dem Triebwerk!

Als zu meiner Rechten eine kleine Lichtung erscheint, verlasse ich den Skyline Trail, um mich auf die Suche nach dem letzten Überbleibsel zu begeben.

Schwachen Steigspuren folgend überquere ich die Lichtung und biege auf der anderen Seite wieder in den Wald hinein. Dort geht es knappe fünf Minuten lang den Weg hinab, bis ich an einer Kreuzung auf einen großen Steinhaufen stoße. Von hieraus ist es nicht mehr weit! Noch eine weitere Minute muss ich dem Weg nach unten folgen, bis plötzlich linkerhand – auf einer Höhe von 788 Metern – das Triebwerk des Sabrejet hervorblitzt. Eine Gedenkplakette, sowie mehrere Flaggen und Kränze, erinnern an das Unglück. In einer durchsichtigen Tupperdose entdecke ich zudem ein Foto des Piloten, ein Foto der Maschine, und ein Logbuch. Zum Andenken hinterlasse ich eine kurze Nachricht.

Das Triebwerk des Sabrejet von Lamar J. Barlow am Grouse Mountain.

Das Flugzeugwrack: Im Februar 1954 stürzte der Pilot Lamar J. Barlow am Grouse Mountain ab.

Jenseits des Skyline Trails

Nach diesem doch eher andächtigen Exkurs kehre ich zurück zur alten Sessellift-Schneise und folge dem Skyline Trail weiter bergauf. Lange dauert es jetzt nicht mehr, da öffnet sich der Wald vor mir und ich lande am unteren Ende der Skipiste »The Cut«. Kurz inspiziere ich dort den großen Sessellift zu meiner Rechten, dann wende ich mich nach links und folge dem SIMIC Trail gemütlich gen Westen. Es dauert nicht lange, bis die gespenstische Silhouette des Peak Chalet (1127m) im Nebel vor mir auftaucht. Erschöpft schleppe ich mich die hölzernen Stufen hinauf und betrete die erfreuliche ruhige Hütte. Das miese Wetter scheint die meisten Touristen heute abgeschreckt zu haben!

Das Peak Chalet am Grouse Mountain im dichten Nebel.

Aus dem gespenstischen Nebel taucht plötzlich das Peak Chalet vor mir auf.

Die neblige Schlussetappe

Kurz denke ich darüber nach, mir schnell eine Brotzeit zu besorgen. Dann entschließe ich mich aber doch, erst einmal zum Gipfel weiterzugehen. Über die breiten Teer- und Schotterpisten jage ich in Richtung Grouse Mountain (1231m). Der Nebel ist heute so dicht, dass man keine zehn Meter weit sieht. Wenn ich nicht schon ein Dutzend Mal hier oben gewesen wäre, ich würde den Weg zum Gipfel wohl nicht finden. Es ist eine undurchdringliche weiße Wand! Selbst die Holzfäller-Arena und das Grizzly-Gehege direkt am Wegesrand nehme ich nur schemenhaft wahr. Doch zum Glück kenne ich das weitläufige Plateau mittlerweile wie meine Westentasche!

Dichter Nebel am Grouse Mountain.

Im dichten Nebel kann die Wegfindung schnell zum Problem werden.

Nebelpanorama

Grouse Mountain
LandKanada
GebirgeCoast Mountains
KammNorth Shore Mountains
Höhe1231 m
Koordinaten49°23′08″N, 123°04′33″W

Mit flottem Tempo jage ich die breite Piste hinauf, die mich innerhalb von wenigen Minuten zum Gipfel des Grouse Mountain (1231m) führt. Eigentlich hatte ich die leise Hoffnung, dass der Nebel hier oben vielleicht nicht so dicht wäre, doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht... Obwohl ich direkt davor stehe, kann ich nicht einmal das »Eye of the Wind« – das 65 Meter hohe Windrad, das den Gipfel krönt – erkennen. Da es von hier oben heute nicht viel zu sehen gibt, mache ich schon bald wieder kehrt und trotte durch den Nebel wieder hinab zum Peak Chalet. Dort kaufe ich mir ein Ticket für die Talfahrt. Was am Fuße des alten Sessellifts begann, findet an der Bergstation der neuen Seilbahn nun sein passende Ende.

StationenDistanzDifferenzZeit
Montroyal Blvd. & Skyline Dr.
→ Sabre Jet Memorial +3,2 km643 m ↑ 37 m ↓+1h 45m
→ Peak Chalet +1,4 km284 m ↑ 0 m ↓+0h 40m
→ Grouse Mountain ✝ +1,3 km104 m ↑ 0 m ↓+0h 15m
→ Peak Chalet +1,3 km0 m ↑ 104 m ↓+0h 15m
Gesamt 7,2 km937 m ↑ 141 m ↓ 2h 55m