Das wohl schönste Hochtal Europas

Unterwegs in den Vilsalpseebergen


27./28. Juni 2015 • Autor: brm.


Übersicht

Die folgenden Zeilen beschreiben unsere Wanderung in den Vilsalpseebergen in den Allgäuer Alpen. Wir starten von Weißenberg am Lech und wandern bei einsetzendem Regen auf die Leilachspitze. Anschließend geht es zur Landsberger Hütte, wo wir übernachten. Am folgenden Morgen wandern wir geschwind über die Rote Spitze, die Steinkarspitze und die Lachenspitze auf die Schochenspitze. Dabei genießen wir ein umwerfendes Panorama. Danach geht es hinab zum Vilsalpsee und mit dem Bus zurück zum Ausgangsort.

Schwierigkeit: T4, UIAA IGPS-Route: DownloadWanderkarte: Kompass 04

Der Werbeslogan lockt uns an

„Das wohl schönste Hochtal Europas“. Mit diesem Slogan wird das Tannheimer Tal in den Allgäuer Alpen vermarktet. Zahlreiche Bergseen, felsige Gipfel, begrünte Berghänge, Wasserfälle, Klettersteige und schön gelegene Berghütten sollen die Touristen in das 1100 Meter hoch gelegene Tal locken. Wir konnten uns zwar bereits am Großen Krottenkopf (2656m) von der Schönheit der Allgäuer Alpen überzeugen – besonders die bis weit oben begrünte Landschaft hat es uns angetan – aber dem Tannheimer Tal wollen wir dennoch einen Besuch abstatten, und so reisen wir an einem Samstag früh morgens zu fünft mit unserem Auto in Richtung der Visalpseeberge.

Aus unseren Planungen wissen wir, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, ins Tannheimer Tal zu gelangen. Die geläufigste Art führt direkt von Tannheim mit dem Bus oder bis zehn Uhr mit dem Auto zum Vilsalpsee-Parkplatz. Wir aber haben uns für einen langen und sehr einsamen Weg von Weißenbach am Lech (885m) über die Leilachspitze (2274m) entschieden. Einerseits gehört für uns ein gewisser Anlauf zum Bergwandern dazu, andererseits ist die Leilachspitze der höchste Berg der Vilsalpseeberge und damit ein hehres Ziel für uns. Im Anschluss wollen wir in der Landsberger Hütte (1810m) übernachten und am kommenden Tag noch einige umliegende Gipfel besteigen.

Bildergalerie: Unterwegs in den Vilsalpseebergen

Unser Weg endet im Nichts

Wir stellen unser Auto am Parkplatz des smaragdgrünen Lechausees ab, einem Baggersee westlich von Weißenbach am Nordufer des Lechs. Das Wetter ist stabil, aber Regen und abends Gewitter sind angekündigt. Wir schultern unsere Rucksäcke und starten die zweitägige Wandertour in Richtung Osten. Dabei folgen wir der B198 bis zur ersten auffallenden Linkskurve. Hier verlassen wir die Straße und folgen einer geteerten Mountainbikestrecke – dem Schwarzwassertalweg – bis zur ausgeschilderten Orchideenleiter, welche nach rechts abzweigt. Über spitze Serpentinen kommen wir auf diesem kürzlich angelegten, ehemaligen Jägerpfad schnell nach oben. Am Ende angekommen – Orchideen haben wir keine gesehen – folgen wir dank fehlender Beschilderung der kreuzenden Forststraße nach links. Ein Fehler! Wenige hundert Meter weiter endet der Weg und wir stehen am tiefen Graben des Stuibenbachs. Ein Blick auf unser GPS-Gerät verrät: fast 400 Höhenmeter oberhalb verläuft unser richtiger Weg. Daher bleibt uns – da wir nicht umkehren wollen – nichts anderes übrig, als uns über die steilen Grashänge nach oben zu kämpfen. Es ist furchtbar anstrengend, aber wir schaffen es und stehen schlussendlich mit schmerzenden Oberschenkeln am richtigen Pfad, dem Wanderweg 49. Eigentlich hätten wir bereits am Ende der Orchideenleiter weiter nach oben gehen müssen.

Den Gipfel ständig im Blick

Über den schmalen Steig kommen wir nun schnell vorwärts. In der Ferne blitzt bereits immer wieder die Leilachspitze (2274m) zwischen den umliegenden Bergen hervor. Trotzdem sind die Beine vom steilen Aufstieg erschöpft, und so machen wir am Notländersattel unsere erste große Pause. Von hier aus ist unser Aufstiegsweg schon gut zu erkennen: Durch eine Rinne geht es nach oben, ehe wir am Grat zum Gipfel vorstoßen. Alles andere als einfach; die Leilachspitze wird manchmal mit UIAA II angegeben und gilt als sehr schwierige Bergtour. Der Wanderführer des Tannheimer Tals empfiehlt den Gipfel nur für bergerfahrene, geübte, schwindelfreie und trittsichere Bergsteiger!

Kurz vor dem Notländersattel ist der Blick auf die felsige Leilachspitze herrlich.

Nach der ausgiebigen Rast setzen wir uns wieder in Bewegung. Der Weg fällt jetzt etwas ab ins Weißenbacher-Notländerkar. Vereinzelt tummeln sich Gämsen in den umliegenden Felsen und lösen kleinere Steinschläge aus. Mittlerweile setzt auch in unregelmäßigen Abständen Regen ein, weswegen wir unsere Regenausrüstung überziehen. An einem Wegweiser überlegen wir, aus Sicherheitsgründen abzusteigen und über das Birkental ohne Gipfelerfolg zur Landsberger Hütte (1810m) zu wandern. Geschlossen entscheiden wir uns aber gegen diese letzte Abstiegsmöglichkeit und halten auf die Aufstiegsrinne zu. Dort führt uns der Weg erst in engen Spitzkehren durch das Kar nach oben, ehe wir durch die beschriebene Rinne kraxeln müssen. Bröseliges Gestein und Auswaschungen erschweren dieses Unterfangen, außerdem setzt wieder starker Regen ein. Wir müssen aufpassen, keine Steine loszutreten, um den nachfolgenden Partner nicht zu gefährden. Nicht einfach bei diesem nassen und brüchigen Untergrund.

Am Grat angekommen wird es schließlich noch ungemütlicher. An der Westseite des Berges hängen dicke Regenwolken. Es beginnt zu hageln und starke Windböen erschweren den Aufstieg. Uns wird leicht mulmig, so ungesichert mitten im kahlen Fels und auf diesem schmalen Grat. Wegen des schlechten Wetters übersehen wir auch das Kreuz, dass nur wenige Meter nördlich von uns – rund fünf Gehminuten – aus dem Fels ragt: die Kracherspitze (2111m). Sehr ärgerlich – auch wenn unser Ziel von Beginn an nur die Leilachspitze (2274m) war.

Die Leilachspitze

Leilachspitze
GebirgeAllgäuer Alpen
KammVilsalpseeberge
Höhe2274 m
Dominanz6,8 km → Stallkarspitze
Koordinaten47°26′19″N, 10°32′46″E
KarteKompass 04: F3

Gottseidank wird der Weg hier oben wieder etwas weniger schwer. Auch beruhigt sich das Wetter bald wieder und wir erreichen nach wenigen weiteren leichten Kraxeleien den Gipfel der Leilachspitze (2274m). Wir schießen schnell ein Gipfelfoto am nebligen Kreuz und machen uns gleich auf den Weg, weiter den Grat entlang. Völlig durchnässt wird es hier oben doch sehr kalt.

Neblig und verregnet präsentiert sich uns der Gipfel der Leilachspitze.

Steinig und unangenehm

Der Abstieg ist wie der Aufstieg sehr unangenehm. Nach einigen mittelschweren Kraxeleien müssen wir durch eine äußerst brüchige Rinne absteigen. Achtung: Steinschlaggefahr! Die Markierungen sind von oben herab schwer zu erkennen, so dass wir nur langsam vorankommen. Auch ist der Weg manchmal so ausgespült, dass wir alternative Routen finden müssen. Am Ende der Rinne angekommen, wird es dann aber leichter. Über einen schmalen Weg – Klettereien sind hier nur noch selten – wandern wir an den Krottenköpfen und den Luchsköpfen vorbei. Zahlreiche schwarze Alpensalamander begegnen uns am Weg. In der Ferne blitzt bereits die Lachenspitze (2126m) hervor. In deren Nordhang, also auf der gegenüberliegenden Seite, liegt die Landsberger Hütte (1810m), unser Tagesziel.

Krottenköpfe und Luchsköpfe

Die Krottenköpfe und Luchsköpfe sind vier markante Felstürme zwischen Leilach- und Lachenspitze. Sowohl über ihre genaue Höhe herrscht noch Uneinigkeit wie auch über ihre genaue Position. So schreiben einige Portale, darunter auch Wikipedia, dass es sich beide Male um dieselben Gipfel handelt und lediglich die Bezeichung eine andere ist. Der Alpenvereinsführer dagegen schreibt, dass die Luchsköpfe die beiden der Leilachspitze näheren Erhebung sind und die Krottenköpfe die beiden Erhebungen weiter westlich. An diese Einteilung halten auch wir uns.

Nicht eindeutig definiert: die Erhebungen westlich der Leilachspitze (links).

Die Hütte? Völlig überlaufen

Da das Wetter schlechter zu werden scheint und in der Ferne dunkle Wolken hängen, entscheiden wir uns dagegen, auch die Lachenspitze (2126m) heute noch zu besteigen. Wir umgehen den Gipfel stattdessen östlich durch das Gappenfelder Notländ bis zum Sattel zwischen Lachenspitze und Schochenspitze (2069m). Dort angekommen haben wir endlich unser Tagesziel vor Augen. Es ist ein tolles Panorama. Links die Lache, ein kleinerer Bergsee, rechts daneben der aufgestaute Traualpsee und dazwischen die Landsberger Hütte (1810m). Dahinter die Gipfel der Roten Spitze (2130m), der Steinkarspitze (2067m) und des Geierköpfl (1872m).

Von hier ist es nur noch ein Katzensprung, ehe wir endlich am Eingang der Hütte stehen. Trotz des schlechten Wetters haben zahlreiche Menschen den Weg hier herauf gefunden und wir müssen – nachdem wir bei der Essenausgabe anstehen mussten – auf der kalten Terrasse unser Abendessen zu uns nehmen. Da auch im Anschluss kein Platz in der Hütte frei wird, gehen wir früh ins Bett und verbringen zusammen mit knapp vierzig weiteren Gästen die Nacht im Lager, während draußen der Regen aufs Dach trommelt und das Gewitter wütet (Testbericht zur Hütte).

Traumhaft liegt die Hütte am Fuß der Roten Spitze, flankiert von der Lache und dem Traualpsee.

Drei Gipfel in unter zwei Stunden

Am folgenden Morgen sind wir früh auf den Beinen und genießen den Sonnenaufgang, der die umliegenden Berge in wunderschönes Licht taucht. Heute ist bestes Wetter vorhergesagt. Nach dem eigens von uns mitgebrachten Frühstück starten wir bereits um halb sieben von der Hütte. Wir teilen uns auf: eine Gruppe geht über den Klettersteig auf die Lachenspitze (2126m), die andere Gruppe besteigt die Rote Spitze (2130m) und die Steinkarspitze (2067m). Auf der Lachenspitze wollen wir uns dann treffen.

Die Rote Spitze (rechts) und die Steinkarspitze im ersten Licht des Sonnenaufgangs.

Die Rote Spitze

Rote Spitze
GebirgeAllgäuer Alpen
KammVilsalpseeberge
Höhe2130 m
Dominanz2,3 km → Kälbelespitze
Koordinaten47°26′35″N, 10°29′58″E
KarteKompass 04: E3

Wir starten also von der Landsberger Hütte (1810m) auf zur Roten Spitze (2130m). Über schmale, vom Regen noch nasse und am Ende steile Pfade geht es flott nach oben. Vereinzelt sind hier Murmeltiere zu entdecken. Die auf den Wegweisern angeschriebenen Zeiten stimmen nicht, nach vierzig Minuten sind wir bereits am Gipfel und genießen ein tolles Panorama. Der markante und uns den ganzen Tag verfolgende Hochvogel (2592m) und das Geishorn (2247m) – der zweithöchste Gipfel der Vilsalpseeberge – sind von hier perfekt zu erkennen. Ebenso der idyllisch gelegene Alplsee im Westen.

Die Steinkarspitze

Steinkarspitze
GebirgeAllgäuer Alpen
KammVilsalpseeberge
Höhe2067 m
Dominanz1,4 km → Rote Spitze
Koordinaten47°26′18″N, 10°30′16″E
KarteKompass 04: E3

Von der Roten Spitze (2130m) wandern wir flotten Schrittes auf die nahe Steinkarspitze (2067m). Keine dreißig Minuten dauert dieser Weg. Beide Gipfel waren bisher im unteren Bergsteigerniveau anzusiedeln. Der Blick von der Steinkarspitze ist derselbe wie von der Roten Spitze, und so wandern wir schnell weiter zur Lachenspitze (2126m).

Die Lachenspitze

Lachenspitze
GebirgeAllgäuer Alpen
KammVilsalpseeberge
Höhe2126 m
Dominanz0,6 km → Rote Spitze
Koordinaten47°26′24″N, 10°31′03″E
KarteKompass 04: F3

Dafür gehen wir am Südhang entlang – der Weg ist einfach – bis zum Steinkarjoch und schließlich in sehr steilen Spitzkehren über allerlei Geröll zum schönen Gipfel. Oben angekommen treffen wir auf unsere beiden Begleiter, die über den Klettersteig hier herauf kamen.

Der Blick auf die Schochenspitze (rechts) und die drei traumhaft gelegenen Bergseen.

Schochenspitze und Abstieg über drei Seen

Schochenspitze
GebirgeAllgäuer Alpen
KammVilsalpseeberge
Höhe2069 m
Dominanz1,4 km → Lachenspitze
Koordinaten47°27′08″N, 10°31′26″E
KarteKompass 04: F3

Nach einer langen Pause, in der wir den tollen Blick ins Tannheimer Tal mit seinen drei Seen genossen haben – auch der Vilsalpsee ist nun teilweise zu sehen – geht es über den Nord-Ostgrat hinab zum Sattel zwischen Lachenspitze (2126m) und Schochenspitze (2069m). Der Weg ist anspruchsvoll und steil und verlangt definitiv Trittsicherheit. Angekommen am Sattel entschließen wir uns, noch die Schochenspitze zu besteigen. Der Weg hinauf auf diesen letzten Gipfel ist einfach und leicht zu gehen und bietet keine nennenswerten Schwierigkeiten. Selbst ein Edelweiß entdecken wir am Wegesrand. Der Blick oben ist dann traumhaft. Alle bisherigen Gipfel sind einzusehen: Leilachspitze (2274m), Lachenspitze, Steinkarspitze (2067m) und Rote Spitze (2130m). Toll!

Anschließend machen wir kehrt, kehren zurück zur Lache, wandern dann zur Oberen Traualpe (1649m) am Traualpsee – hier kommen wir an zwei Wasserfällen vorbei – und schließlich über einen sehr langatmigen Weg zum Vilsalpsee hinab. Nach dem Felssturz 2012 ist der Rundweg dort übrigens nicht mehr gesperrt. Am See kühlen wir uns im Wasser ab und essen in der Weltlingalpe (1168m) zu Mittag. Vom Parkplatz nehmen wir anschließend den Bus zurück nach Weißenbach am Lech, nehmen noch ein Bad im dortigen Baggersee und fahren dann mit dem Auto nach Hause zurück.

Ein umwerfendes Panorama bietet sich uns vom Vilsalpsee.

Kann man so gelten lassen

Ob es sich nun um das schönste Hochtal Europas handelt ist natürlich auch Geschmackssache. Auf jeden Fall aber ist es wunderschön. Nahezu von jedem Punkt im Tannheimer Tal wirft einen das Panorama um. Ob man nun auf einem der zahlreichen Gipfel oder am See steht, der Blick ist malerisch. Eine Empfehlung ist hier fast zu wenig, ein Besuch ist für Genusswanderer ein Muss.

StationenDistanzDifferenzZeit
Weißenbach am Lech
→ Leilachspitze ✝ +8,2 km1502 m ↑113 m ↓+5h 05m
→ Landsberger Hütte +4,3 km175 m ↑639 m ↓+2h 35m
→ Rote Spitze ✝ +1,5 km325 m ↑5 m ↓+0h 40m
→ Steinkarspitze ✝ +0,7 km96 m ↑159 m ↓+0h 30m
→ Lachenspitze ✝ +1,4 km154 m ↑95 m ↓+0h 40m
→ Schochenspitze ✝ +1,9 km159 m ↑216 m ↓+0h 45m
→ Vilsalpsee +4,8 km4 m ↑905 m ↓+2h 00m
Gesamt 22,8 km2415 m ↑2132 m ↓12h 15m