Sommerlicher Höhepunkt im Allgäu

Hinauf auf den Großen Krottenkopf


11. August 2013 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Besteigung des Großen Krottenkopf in den Allgäuer Alpen. Unsere Wanderung beginnt am Bahnhof in Oberstdorf. Von dort geht es – nach einer kleinen Irrfahrt – hinein ins schöne Trettachtal. An dessen Ende erwartet uns nicht nur die sommerliche Wiesenlandschaft der Oberen Mädelealm, sondern auch die Kemptner Hütte. Nachdem wir auf der Veranda neue Kräfte getankt haben, nehmen wir schließlich die letzte Etappe zum Gipfel des Großen Krottenkopf in Angriff. Der Abstieg erfolgt über dieselbe Route.

Schwierigkeit: T4, UIAA IGPS-Route: DownloadWanderkarte: Kompass 24

Zwei Himmelhunde auf dem Weg zum Krottenkopf

Die Besteigung des Großen Krottenkopf (2565m) ist wahrlich kein Sonntagsspaziergang. Dies wird klar, wenn man sich nur einmal die groben Daten dieser Tour vor Augen führt. Nicht nur 1800 Höhenmeter müssen bei dieser Wanderung überwunden werden (Gegenanstiege nicht mitgezählt!), sondern auch die Strecke von über 30 Kilometern hat es in sich. Und so wird der Große Krottenkopf normalerweise auf zwei Tage bestiegen, inklusiver einer Übernachtung auf der Kemptner Hütte (1846m). Doch wir haben einen engen Zeitplan, und mehr als einen Tag können wir leider nicht entbehren. So stehen wir dann eines Tages um Mitternacht am Bahnsteig in Augsburg und warten auf unseren Zug nach Oberstdorf (813m). Der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm, doch so früh waren wir wirklich noch nie unterwegs. Nach einer langen Zugfahrt erreichen wir um 5:30 Uhr morgens Oberstdorf.

Auf Abwegen

Von hier aus soll unsere Wanderung gleich einmal mit einem Gewaltmarsch im zweistelligen Kilometerbereich beginnen. In spätestens vier Stunden wollen wir auf der Kemptner Hütte (1846m) sein. Doch wir machen einen entscheidenden Fehler. Statt in einer Wanderkarte nach der richtigen Route zu gucken, fragen wir einen „Ortskundigen“ nach dem Weg zur Kemptner Hütte. Seinen Anweisungen folgen wir prompt und spazieren über Straßen, Forstwege und Wiesenpfade durch die noch relativ flache Landschaft der Allgäuer Alpen gen Süden. Dabei legen wir gleich einmal ein ordentliches Tempo vor. Während die Sonne langsam aufgeht, haben wir bereits mehr als zehn Kilometer in 90 Minuten hinter uns gebracht. Die flache Landschaft ist nun passé und wir befinden uns in einem von Bergen umrahmten Tal wieder.

Bildergalerie: Großer Krottenkopf

An einer Busstation nahe Birgsau (956m) sehen wir andere Wanderer. Mit diesen plauschen wir ein bisschen, bis uns der Schlag trifft... direkt in die Magengrube. Wir sind im falschen Tal! Der „Ortskundige“ hat uns glatt auf den falschen Weg gelotst, nämlich ins Stillachtal. Wir hätten aber ins Trettachtal gemusst. Frustration macht sich breit und wir studieren die Wanderkarte, wie wir uns aus dieser misslichen Lage befreien können. Doch statt einem Ausweg finden wir nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder wir folgen dem jetzigen falschen Tal und besteigen unterwegs ein paar knackige Zweitausender über eine unglaublich zeitaufwendige Route, oder wir kehren um nach Oberstdorf und starten von dort erneut. Missmutig trotten wir zurück Richtung Oberstdorf und wedeln dabei gelegentlich mit dem Daumen passierenden Autos entgegen. Nach einigen Minuten hält eine nette Frau an und bringt uns aus Mitleid zurück nach Oberstdorf.

Mit dem Taxi nach Spielmannsau

Vor zwei Stunden sind wir am Bahnhof in Oberstdorf aufgebrochen und haben praktisch in dieser Zeit keinen Meter gewonnen. Wir überlegen also, wie wir wieder etwas Zeit gutmachen können. Zwar gibt es einen Bus, der Richtung Trettachtal fährt – das ist das richtige Tal! – doch dieser akzeptiert keine Bayern-Tickets und lässt zudem auch noch auf sich warten. So entscheiden wir uns kurzerhand für eine Taxifahrt. Leicht frustriert wuchten wir unsere Rucksäcke in den Kofferraum und lassen uns für einen stolzen Preis nach Spielmannsau (854m) bringen. Dort steigen wir bei einem Gasthaus aus und biegen nun auf den richtigen Weg ein.

Der Aufstieg beginnt

Es ist kurz nach 8 Uhr morgens. Über eine breite Straße geht es zunächst einige Minuten in südlicher Richtung das Trettachtal entlang. Dabei passieren wir einige saftig grüne Wiesen, ehe der Weg links auf einen schmalen Waldpfad einbiegt. Über Stock und Stein arbeiten wir uns dabei schnell voran. Während mein Begleiter sich an der grünen Vegetation erfreut, fluche ich immer noch über die verlorenen zwei Stunden. Statt einer Genusswanderung steht uns eine Stresstour bevor. Zumindest das sanfte Plätschern der Trettach links von uns, die sich gelegentlich über kleine Wasserfälle ergießt, sorgt für etwas Bergromantik.

Der Weg durch das grüne Trettachtal ist traumhaft.

Touristischer Gegenverkehr

Nach einer halben Stunde – wir sind wieder flott unterwegs – erreichen wir eine Brücke, und so wechseln wir das Ufer. Direkt hinter dem Übergang ziehen sich hölzerne Stufen einen Hang hinauf. Während wir uns über diese künstlichen Tritte nach oben wuchten, kommen uns zahlreiche Wanderer entgegen. Alle paar Meter müssen wir stehen bleiben, um auf dem schmalen Weg keine Kollision zu verursachen. Immerhin landschaftlich gibt es hier aber einiges zu bestaunen. Nicht nur die idyllische Trettach hat es uns angetan, sondern vor allem der Vegetationsreichtum der Allgäuer Alpen ist unerreicht. Während andere Gebirgsgruppen, wie das Karwendel, von Stein dominiert werden, ist hier alles mit einem grünen Teppich aus Pflanzen überzogen. Großartig!

Schnee im Sommer

Nach insgesamt einer Stunde – es ist kurz nach 9 Uhr morgens – müssen wir wieder die Flussseite wechseln. Diesmal über einen kleinen hölzernen Steg, der doch ziemlich provisorisch aussieht. Was solls... Wir queren die rauschende Trettach und biegen in südlicher Richtung wieder auf den Wanderweg. Dieser führt auf einem schmalen Weg eine Bergflanke über mehrere Kilometer entlang. Zwar bleibt hier die Abwechslung auf der Strecke, aber wir machen zumindest einige Höhenmeter gut. Rechterhand blicken wir auf eine erdige Talsohle. Nach einigen Metern merken wir, dass wir uns geirrt haben. Meter hoch liegt hier noch Eis und Schnee im Talverlauf, und das mitten im August! Obenauf liegt nur eine dünne Schicht aus brauner Erde, die von den herumliegenden Bergen herabgestürzt sein muss. Unterhalb des dicken Eismantels vernehmen wir immer noch das Rauschen der Trettach. Ein interessanter Anblick! Nichtsdestotrotz setzen wir unseren Marsch über den schmalen, teils drahtseilversicherten Pfad ungebremst fort.

Selbst im Hochsommer hält sich in der Talsohle etwas Altschnee.

Wiesenromantik auf der Kemptner Hütte

Nach nicht einmal zwei Stunden scheint das Tal seinem Ende zuzulaufen. Wir biegen nun auf eine wunderschöne Wiesenlandschaft ein. Allerlei Blumen und Kräuter wachsen hier, teilweise hüfthoch. Bienen surren um uns herum, die Trettach plätschert durch das Tal, und grüne Gipfel umranden das wundervolle Naturschauspiel. Ein solcher Anblick in dieser Höhe ist selten! Linkerhand erblicken wir plötzlich ein Gebäude über uns: die Kemptner Hütte (1846m). Nach genau zwei Stunden – es ist nun kurz nach 10 Uhr morgens – erreichen wir unseren ersten Zwischenstopp. Die missmutige Stimmung hat sich nun endlich gelegt und wir setzen uns zufrieden auf der Terrasse nieder, wo wir uns gleich einmal ein kühles Getränk gönnen. Es ist mal wieder einer dieser Tage im Hochsommer, der die 30°C Marke problemlos überschreitet. Wir liegen jetzt trotz des Umweges gut in der Zeit, vor allem weil wir mit einem enormen Tempo die letzten Kilometer angegangen sind. Genüsslich lassen wir unsere Blicke über die grüne Landschaft schweifen und halten Ausschau nach dem Großen Krottenkopf (2656m).

Eine sommerliche Wiesenlandschaft erwartet uns am Ende des Tales.

Über die Obere Mädelealm

Eine halbe Stunde bleiben wir hier sitzen, ehe wir uns auf die letzte Etappe machen. Zunächst wandern wir wieder einige Minuten über die Wiesenlandschaft der Oberen Mädelealm. Der Weg zum Großen Krottenkopf (2565m) ist nun immerhin schon gut ausgeschildert. Der Pfad ist zwar schmal, aber gut zu begehen, und wir kommen schnell voran. In der herrlichen Naturidylle zeigt sich uns sogar ein flauschiges Murmeltier. Knuffig! Schließlich erreichen wir einen Kamm, von dem es nun wieder einige Höhenmeter bergab geht. Der Große Krottenkopf ist leider noch immer nicht in Sicht.

Der erste Blick auf das große Ziel

Während wir langsam durch den steinigen Hang nahe des Muttlerkopf (2366m) absteigen, erhaschen wir nun einen ersten Blick auf den höchsten Berg der Allgäuer Alpen. Mächtig hebt sich das felsige Ungetüm aus der Landschaft hervor und vermittelt einen Respekt einflößenden Eindruck. Wir passieren schließlich einen kleinen Wasserlauf und erreichen endlich den Gegenanstieg. Von nun an geht es über steinige Wege steil bergauf. Auf dem teils losen Untergrund will jeder Schritt gut gesetzt sein. Während uns zahlreiche Wanderer entgegen kommen, macht sich bei uns langsam Erschöpfung breit und wir brauchen ein paar Pausen. Kurz vor der Krottenkopfscharte (2350m) wird der Weg immer rauer, und es geht über kargen Fels, der teils mit Drahtseilen versichert ist.

Endlich rückt der Gipfel des Großen Krottenkopf in unser Blickfeld.

Der finale Aufstieg

Kurz nach zwölf Uhr mittags erreichen wir schließlich die Krottenkopfscharte (2350m). Dort machen wir eine kurze Brotzeit, ehe es zum finalen Aufstieg geht. Mächtig erhebt sich vor uns der Gipfelaufbau des Großen Krottenkopf (2565m). Nachdem wir etwas Kraft getankt haben, setzen wir uns wieder in Bewegung. Steil geht es nun über steinige Wege durchs Kar hinauf, und man muss aufpassen, wohin man tritt. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind hier ein Muss! Nach einiger Zeit verlassen wir das Kar und klammern uns nun an größere Felsblöcke fest. Hier ist der Weg teilweise sehr schmal und die Absturzgefahr nicht unerheblich. Doch mit etwas Konzentration macht das Kraxeln durch den felsigen Gipfelaufbau eine Menge Spaß!

Auf dem Dach der Allgäuer Alpen

Großer Krottenkopf
LandÖsterreich
GebirgeAllgäuer Alpen
KammHornbachkette
Höhe2656 m
Koordinaten47°18′43″N, 10°21′22″E

Nach etwa 45 Minuten erreichen wir schließlich den Gipfel des Großen Krottenkopf (2565m), dem höchsten Berg der Allgäuer Alpen. Von hier aus hat man normalerweise eine tolle Rundumsicht. Selbst den fernen Piz Bernina (4049m) kann man an klaren Tagen von hier oben erkennen! Leider hat sich das Wetter aber mittlerweile etwas zugezogen, und so haben wir keine perfekte Sicht. Nichtsdestotrotz ist das Bergpanorama von hier oben gigantisch. Da haben sich die Anstrengungen, all der Kummer und Frust doch gelohnt! Wir machen ein Gipfelfoto, verewigen uns im Gipfelbuch und verzehren unseren restlichen Proviant.

Der Gipfel bietet eine tolle Aussicht auf die Bergwelt der Allgäuer Alpen.

Der schnellste Abstieg aller Zeiten

Dann machen wir uns auf den Rückweg. In Windeseile steigen wir hinab zur Krottenkopfscharte (2350m), queren die Südflanke des Muttlerkopf (2366m), überschreiten die Obere Mädelealm und passieren die Kemptner Hütte (1846m). Auf den schmalen Wegen im Trettachtal stockt unser Abstieg aufgrund der vielen anderen Wanderer ein wenig. „Was kriegt ihr denn, wenn ihr so schnell ins Tal hetzt?“, fragt uns eine Frau mürrisch. „Unseren Zug“, ist die knappe und traurige Wahrheit. Nicht einmal vier Stunden brauchen wir, bis wir wieder Spielmannsau erreichen. Dort schwingen wir uns erneut in ein Taxi und entschwinden endgültig aus dem Trettachtal.

Fazit

Wahnsinn. Irre. Genial. Das sind ein paar Schlagwörter die uns zu dieser unvergesslichen Tour einfallen. Von der Anreise um Mitternacht, über den Marsch ins falsche Tal, bis zum unglaublich flotten Auf- und Abstieg – diese Tour war extrem in jeglicher Hinsicht. Auch wenn es letztlich eine Menge Spaß gemacht hat, und wir diese Tour nie mehr vergessen werden, so empfehlen wir doch, sich lieber zwei Tage für den Aufstieg Zeit zu nehmen. Denn der Weg zum Großen Krottenkopf ist vor allem eines: lang! Insgesamt sind an die 30km zu bewältigen, und auch die 1800 Höhenmeter verlangen eine sehr gute Kondition. Doch belohnt wird man mit einer tollen Landschaft, die sich vor allem durch ihren Abwechslungsreichtum auszeichnet. Von den Wasserfällen der Trettach, über die grüne Wiesenlandschaft der oberen Mädelealm, bis zum kargen Gipfelaufbau des Großen Krottenkopf ist wirklich allerlei geboten. Während die Kemptner Hütte auch für unerfahrene Wanderer problemlos zu erreichen ist, erfordert der finale Aufstieg jedoch alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Oben folgt die Belohnung mit einem herausragenden Bergpanorama über die Allgäuer Alpen.

StationenDistanzDifferenzZeit
Oberstdorf
→ Spielmannsau +8,1 km42 m ↑2 m ↓+1h 30m
→ Kemptner Hütte +6,1 km1025 m ↑33 m ↓+1h 50m
→ Großer Krottenkopf ✝ +4,0 km791 m ↑72 m ↓+2h 10m
→ Spielmannsau +10,1 km105 m ↑1816 m ↓+3h 45m
Gesamt 28,3 km1963 m ↑1923 m ↓9h 15m