Götterdämmerung in Brasilien

Die Besteigung des Pico da Bandeira


21./22. September 2012 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Besteigung des Pico da Bandeira – dem dritthöchsten Berg Brasiliens. Wir beginnen unsere zweitägige Wanderung in Alto Caparaó. Von dort führt uns der Weg zunächst, vorbei am Vale Verde und dem Cachoeira Bonita, hinauf zum ersten Campingplatz: Tronqueira. Anschließend folgen wir dem Weg weiter zum Vale Encantado und dem zweiten Campingplatz: Terreirão. Nach einer stürmischen Nacht im Zelt, setzen wir unsere Tour fort und erklimmen die letzten Meter zum Gipfel. Der Abstieg erfolgt über dieselbe Route.

Schwierigkeit: T3GPS-Route: Download

Fakten, Fakten, Fakten!

Irgendwo im brasilianischen Hinterland, an der Grenze zwischen den Staaten Minas Gerais und Espírito Santo, ragt ein 2892 Meter hohes Ungetüm aus dem Erdboden: der Pico da Bandeira (übersetzt: ‘die Flaggenspitze’). Dieser Berg gilt nicht nur als der dritthöchste Berg Brasiliens, sondern auch als einer der dominantesten Gipfel der Welt. Somit ist eine ungehinderte Sicht in alle Richtungen garantiert. An guten Tagen lässt sich, so munkelt man, sogar der weitentfernte Atlantik am Horizont erblicken. Um selbst in Genuss solch einer traumhaften Aussicht zu kommen, machen wir uns also auf, um dieses lohnende Ziel zu besteigen.

Startschuss in Alto Caparaó

Und so stehen wir dann eines Tages im September 2012 an der letzten Bushaltestelle des kleinen Ortes Alto Caparaó (1000m). Die Straßen sind nahezu ausgestorben, und der Wind treibt die weißen Nebelschwaden über die Gipfel im Umland. Auf der Suche nach etwas Toilettenpapier (bei einer zweitägigen Wanderung wohl nicht das schlechteste Wanderutensil), bleiben wir in einer kleinen Herberge namens Vale Verde hängen. Bei einem gemeinsamen Kaffee beantwortet uns die Leiterin dieser pousada unsere Fragen bezüglich des Berges und klärt uns über die Wetteraussichten auf. Immerhin waren Gewitter vorhergesagt. Sie denkt aber, dass wir den Gipfel erreichen können, wenn das Wetter aushält. Aber eine bessere Einschätzung würden wir bei der Parkverwaltung bekommen, fügt sie hinzu.

Als wir unsere Wanderung beginnen hängt der Nebel tief über Alto Caparaó.

Erste Schritte

Nach einigen Minuten verabschieden wir uns von der netten Gastgeberin und setzen uns in Bewegung. Es ist 08:00 Uhr morgens, und die Temperaturen sind bereits auf angenehme 20°C geklettert. Die erste Etappe unserer Wanderung führt uns über eine zwei Kilometer lange Straße hinauf zum Eingang des Nationalparks. Der Weg ist gut ausgeschildert, und die gepflasterte Straße lässt sich leicht begehen. Einzig unsere schweren Rucksäcke machen uns bereits jetzt etwas zu schaffen. Immerhin sind diese vollgepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen ... wie zum Beispiel ein Zelt, Unmengen an Wasser und Proviant, Ersatzkleidung und Regenjacken. Speziell letztere könnten sich jedoch noch als nützlich erweisen, denn wohin wir auch blicken, treibt ein teils weißer, teils dunkelgrauer Schleier aus Wolken über uns hinweg. Am Wegesrand können wir nicht nur brasilianische Rinder begutachten, sondern auch der Rio Caparaó sprudelt rechterhand der Straße lieblich an uns vorbei. Doch am imposantesten sind selbstverständlich die dunklen Bergesgipfel, die sich direkt vor uns durch die Wolken bohren.

„Verboten? Nein. Aber dämlich!“

Nach etwas mehr als einer halben Stunde erreichen wir den Parkeingang. Wir wenden uns dem Kontrollhaus der Parkverwaltung zu, um uns über den Zustand der Wege und die Wettervorhersage zu informieren. Ein Parkmitarbeiter klärt uns auf, dass das Wetter schwer vorherzusagen ist, aber dass es auf jeden Fall regnen wird. Auch Gewitter hält er für möglich. Auf die Frage, ob es verboten sei, unter diesen Konditionen den Park zu betreten, antwortet ein anderer Parkmitarbeiter salopp: „Verboten? Nein. Aber ziemlich dämlich!“ Na klasse! Doch wir wollen es versuchen – wenn auch auf eigene Gefahr. Denn eine Bergwacht gibt es hier nicht. Immerhin kann man sich die Telefonnummer der Parkverwaltung für den Notfall geben lassen. Nachdem wir unsere persönlichen Daten hinterlassen und den Eintritt für den Park sowie die Camping-Gebühr bezahlt haben, setzen wir uns wieder in Bewegung.

Bei der Parkverwaltung holen wir uns letzte Ratschläge.

Exkurs zum Vale Verde

Die zweite Etappe der Wanderung führt uns über einen sechs Kilometer langen Marsch vom Parkeingang hinauf zum ersten Campingplatz namens Tronqueira (1970m). Doch bereits nach wenigen Metern auf dem roterdigen Weg erscheint vor uns eine Weggabelung. Linkerhand geht es weiter Richtung Campingplatz, während der rechte Pfad zum sogenannten Vale Verde führt. Nach ungefähr 500 Metern erreichen wir dieses grüne Tal, in dem sich der Rio Caparaó in kleinen Wasserfällen über das graue Gestein ergießt. Hier lassen sich schöne Fotos machen, jedoch sollte man sich auf den rutschigen Felsen vorsichtig fortbewegen. Nach einer kurzen Pause an diesem idyllischen Ort machen wir uns auf zum eigentlichen Weg.

Rote Erde und weißer Nebel

Von nun an geht es über eine kurvenreiche Straße stetig bergauf. Der Weg ist gut begehbar und besteht größtenteils aus der roten Erde, welche in dieser Gegend Brasiliens fast überall anzutreffen ist. Einzig einige kurze Abschnitte der Straße sind mit Pflastersteinen versehen, um ihr mehr Halt zu verleihen. Nichtsdestotrotz ist dieser gesamte Wegabschnitt, hinauf bis zum ersten Campingplatz, auch noch für Autos geeignet. Und so passiert es schließlich, dass uns mittendrin tatsächlich ein Fahrzeug überholt. Doch abgesehen davon ist hier heute nicht viel los. Nur vereinzelte Schmetterlinge zeigen sich vor unseren Augen. Für alle anderen Lebewesen ist das heutige Wetter wohl nicht einladend genug. Verwunderlich ist das für uns nicht, denn langsam ergießen sich dichte Nebelschwaden über uns, und der Ausblick auf die grüne brasilianische Landschaft weicht einer undurchdringlichen weißen Nebelwand. Mystisch.

Der Weg führt über eine kurvenreiche Straße in den Nebel hinein.

Exkurs zum Cachoeira Bonita

Schön langsam fängt der Weg an, sich ordentlich zu ziehen. Wir biegen auf zahlreichen Serpentinen ein und queren Bergflanke um Bergflanke. Dabei machen wir auch jede Menge Höhenmeter gut. So langsam sollte doch der verdammte erste Campingplatz vor uns erscheinen. Doch zunächst folgt noch einmal ein kleiner Exkurs. Nach insgesamt drei Stunden und 15 Minuten erreichen wir nämlich erneut eine Abzweigung. Während rechterhand der normale Weg weiterläuft, führt linkerhand ein schmaler Pfad nach unten zum Cachoeira Bonita. Dabei handelt es sich in der Tat um einen schönen Wasserfall. Aus einer Höhe von 80 Metern ergießt sich hier auf breiter Front das Wasser von oben herab. Die Tropfen zerstieben auf dem dunklen Fels und taumeln den Wasserbecken am Fuße des Falles entgegen. Allein für diesen idyllischen Anblick hat sich die Schinderei auf der endlos langen roten Forststraße gelohnt. Wenn man sich nur einen der zahlreichen Wasserfälle am Pico da Bandeira (2892m) ansehen möchte, ist der Cachoeira Bonita zweifelsohne die erste Wahl.

Der schönste Wasserfall der Gegend ist wortwörtlich der Cachoeira Bonita.

Brotzeit am ersten Campingplatz: Tronqueira

Nach einer kleinen Fotosession rund um den Wasserfall wenden wir uns wieder dem eigentlichen Weg zu. Dieser führt uns endlich hinauf zum ersten Campingplatz, Tronqueira (1970m), welchen wir nach etwas weniger als vier Stunden erreichen. Die Sonne hat sich mittlerweile über den blauen Himmel ausgebreitet, und so suchen wir uns ein schattiges Plätzchen, wo wir erst einmal eine ordentliche Brotzeit einlegen können. Unter einem strohernen Sonnenschirm kredenzen wir uns allerlei köstlichen Proviant und freuen uns, dass dadurch unsere Rucksäcke etwas leichter werden. Anschließend begutachten wir den Campingplatz noch einmal genauer. Hier gibt es neben dem eigentlichen Campinggrund auch noch einen Aussichtspunkt, ein Gebäude mit Sanitäranlagen, sowie ein kleines Gasthaus.

Auf dem Campingplatz Tronqueira legen wir erst einmal eine ausgiebige Pause ein.

Exkurs zum Vale Encantado

Es ist 12:45 Uhr, und somit wird es für uns Zeit weiterzugehen. Immerhin wollen wir uns heute nicht mit dem ersten Campingplatz zufriedengeben. Das Tagesziel ist der zweite Campingplatz: Terreirão (2370m). Wir schultern erneut unsere schweren Rucksäcke und folgen den unübersehbaren Wegweisern. Nach wenigen Minuten kommen wir erneut zu einer Abzweigung. Hier geht es linkerhand zu einem dritten Wasserfall, der sich im Vale Encantado, also im verzauberten Tal, befindet. Ein schmaler Pfad führt uns eben dort hin, allerdings ist dieser Wasserfall nicht annähernd so imposant wie der Cachoeira Bonita. Doch gelohnt hat sich der kurze Abstecher trotzdem. Immerhin kann man von hier aus in der Entfernung bereits den Gipfel des Pico da Bandeira (2892m) sehen. Und wir stellen fest: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Ein kurzer Abstecher zum Vale Encantado ist nie verkehrt.

Back on Track

Wir kehren zurück zum eigentlich Pfad, der uns nun eigentlich relativ schnell zum zweiten Campingplatz bringen sollte. Die offiziellen Angaben zur Länge dieser Teilstrecke schwanken zwischen 3,5 und 4,5 Kilometer – doch gefühlt könnte es sich auch um eine Marathondistanz handeln. Der Weg wird steiniger, felsiger und anspruchsvoller zu begehen. Dennoch ist der Schwierigkeitsgrad eigentlich immer noch so einfach, dass keine nennenswerte Probleme auftreten. Darüber hinaus ist der Pfad auch gut markiert, und es gibt zahlreiche Wegweiser. Einzig unsere schweren Rucksäcke und die aufkommende Hitze machen uns langsam zu schaffen. Als wir unterwegs zwei Botaniker aus Campinas treffen, die gerade Inventur am Berg durchführen, nutzen wir die Gelegenheit, um eine kleine Pause einzulegen.

„Wann sind wir endlich da?“

Nach einem kurzen, lustigen Plausch setzen wir unseren Marsch fort. Der Weg wird schmaler und verzweigt sich mehr und mehr. Hierbei sei jedoch angemerkt, dass all diese Wege irgendwo wieder zusammenlaufen. Somit ist die Wahl der Route an diesen Stellen mehr oder minder egal. Durch die immer karger werdende Landschaft wandern wir ein wenig am Rio Caparaó entlang, während unsere Beine immer schwerer und schwerer werden. Wo ist nur dieser zweite Campingplatz? Zu allem Überfluss erinnern uns die Wegmarken, welche alle 500 Meter aus der Landschaft ragen, daran, dass wir noch einen langen Marsch vor uns haben. Langsam kommen Zweifel auf, ob diese Wegmarken überhaupt stimmen. Denn Strecken, die uns wie zwei oder drei Kilometer vorkommen, sind offiziell keine 500 Meter lang. Frust macht sich breit. Und dass nun auch noch finstere Wolken am Horizont erscheinen, verbessert die Situation ebenfalls nicht. Noch den Kommentar des Parkmitarbeiters bezüglich der Gewittergefahr im Ohr habend beginnen wir uns zu sputen. Schließlich soll unser Zelt stehen, bevor es zu regnen und zu stürmen beginnt. Über teils steinige, teils matschige, teils überwucherte Pfade preschen wir also weiter voran.

Bildergalerie: Pico da Bandeira

Na endlich! Terreirão ist erreicht

Um 15:15 Uhr, mehr als sieben Stunden nach unserem Aufbruch, haben wir es dann endlich geschafft. Unser Tagesziel, der zweite Campingplatz – Terreirão (2370m) – ist erreicht. Kurz nach uns trifft auch noch ein Pärchen hier oben ein, doch dieses will noch heute bis zum Gipfel des Pico da Bandeira (2892m) weitergehen. Für uns hingegen war es das für heute, und so beginnen wir schleunigst mit dem Aufbau unseres Zeltes. Immerhin schieben sich nun mehr und mehr Wolken in unsere Richtung. Ein zauberhaft-bedrohliches Naturschauspiel. Innerhalb weniger Minuten steht unser Zelt, und wir nutzen die Zeit, um uns noch einmal ordentlich auf dem Campingplatz umzusehen. Hier gibt es zum einen eine steinerne Schutzhütte, Sanitäranlagen und ein verschlossenes Gebäude der Parkverwaltung. Wir entscheiden uns nach all den Strapazen, den heutigen Tag mit einer schönen Dusche zu beenden, auch wenn das Wasser hier oben nur eiskalt aus den Leitungen schießt.

Endlich rückt der zweite Campingplatz Terreirão in unser Blickfeld.

Schlafenszeit: Eine dramatische Nacht beginnt

Um 16:00 Uhr betten wir uns schließlich nieder, da wir am nächsten Morgen früh loskommen wollen. Immerhin planen wir den Sonnenaufgang vom Gipfel des Pico da Bandeira (2892m) zu beobachten. Daher sind ein paar Stunden ruhigen Schlafes durchaus wünschenswert. Doch noch ahnen wir nicht, welche Dramen sich in den kommenden Stunden um uns und unser Zelt entfalten werden.

„Verdammt! Jetzt ist mir der Fuß abgefroren...“

Da wäre zum Beispiel das Problem des Erfrierens. Bereits jetzt am späten Nachmittag ist es hier oben ziemlich kalt – und wir haben natürlich keine Isomatten dabei. Also versuchen wir uns – so gut es geht – gegen die Kälte aus dem Boden abzusichern, indem wir all unsere Kleidung anziehen und uns so in die Schlafsäcke begeben. Kurz überlegen wir auch, ob wir nicht Stroh aus der Umgebung abernten sollen, um es als Dämmmaterial zu nutzen. Doch letztlich legen wir uns ohne diese Absicherung nieder und entschwinden ins Reich der Träume. Als einer von uns schließlich nach eineinhalb Stunden aufwacht und weder seinen linken Fuß noch seine Zehen spüren kann, kommt kurz Unruhe auf. Doch falscher Alarm! Der Fuß war einfach nur eingeschlafen. Noch einmal Glück gehabt! Also legen wir uns wieder hin und schlafen weiter.

Die Hölle bricht los: Gewitter auf 2370 Metern

Um Mitternacht allerdings werden wir plötzlich unsanft aus unseren Träumen gerissen. Der Wind peitscht mit ungeheurer Kraft gegen die Zeltplane, der Regen klatscht laut prasselnd gegen das Zeltdach, Donner dröhnt uns in den Ohren und im Sekundentakt tauchen Blitze unser Zelt in gleißendes Licht. Ein brasilianisches Gewitter, und wir haben Tickets in der ersten Reihe. Während der Sturm um uns herum wütet, überlegen wir, was wir machen sollen. Sollen wir im Zelt bleiben oder doch in der Schutzhütte Unterschlupf suchen? Wir entscheiden uns, vorerst im Zelt zu verharren. Immerhin haben wir es strategisch günstig zwischen zwei Gebäuden mit Blitzableitern platziert, was uns doch ein wenig Sicherheit vermittelt. Nichtsdestoweniger macht sich ein unangenehmes Gefühl breit. Dies liegt nicht nur daran, dass Blitz und Donner immer näher zu kommen scheinen, sondern auch daran, dass langsam Wasser in unser Zelt durchsickert.

Unser einziger Schutz vor dem verheerenden Gewitter ist dieses Zelt.

„Hörst du auch dieses Rascheln?“

Nach einiger Zeit zieht das Gewitter schließlich weiter. Der Regen und der Wind bleiben uns allerdings noch eine Weile erhalten. Als wir am Rande des Zeltes etwas rascheln hören, kommt erneut kurz Unruhe auf. Doch als Optimisten tun wir das Geräusch als irgendeinen Vogel ab, der einfach gerade draußen am Zelt vorbeigehuscht ist. Und somit legen wir uns wieder friedlich schlafen, ehe uns der Wecker um 05:00 Uhr morgens aus den Federn klingelt.

Böses Erwachen

Der Morgen bricht herein, wir kratzen uns den Streusand des Sandmanns aus den Augen, und das Knurren unserer Mägen erschallt durchs Zelt. „So, jetzt erst einmal eine kleine Brotzeit!“ Doch als wir uns mit strahlenden Augen dem Proviantbeutel nähern, hören wir wieder dieses verdächtige Rascheln. Was ist das nur? Als uns schließlich eine kleine Maus entgegenspringt, wissen wir Bescheid. Kreuz und quer schießt der kleine Nager durch unser Zelt, bis wir ihn schließlich sanft nach draußen befördern können. Ungläubig wandern unsere Blicke zurück zum Proviantbeutel, in dem wir bereits aus einiger Entfernung die ersten Zeichen von Mäusedreck erkennen können. Mahlzeit! Die nächsten Minuten verbringen wir damit, den Proviant auszusieben. Die Schokolade sieht verdächtig aus... die schmeißen wir weg. Auch ein Stück Käse entsorgen wir sicherheitshalber. „Naja, zumindest das Brot ist noch gut. Das war gut eingepackt“, sagen wir uns und greifen ordentlich zu. Erst als der Füllstand des Brotbeutels langsam sinkt und die Verpackung zur Seite kippt, erkennen wir, dass das Brot von der Unterseite angeknabbert wurde. Toll!

Auf geht’s zur letzten Etappe

Nach dieser unvergesslichen Mahlzeit setzen wir uns um 05:45 Uhr schließlich wieder in Bewegung und nehmen die letzte Etappe zum Gipfel des Pico da Bandeira (2892m) in Angriff. Es gilt nochmals ungefähr 500 Höhenmeter und drei bis vier Kilometer Strecke zu überwinden. Obwohl es langsam dämmert, ist die Temperatur hier oben immer noch ziemlich niedrig. Des Weiteren ist, durch den nächtlichen Gewittersturm und den Regen, der Boden an manchen Stellen aufgeweicht und der Fels etwas rutschig. Über einen schmalen Pfad arbeiten wir uns langsam nach oben. Glücklicherweise sind unsere Rucksäcke nun deutlich leichter, da wir das Zelt auf dem Campingplatz zurückgelassen haben. Das macht das Gehen merklich angenehmer. Nach wenigen Minuten erreichen wir eine kleine Kuppe, von der wir endlich wieder einen Blick auf den Gipfel erhaschen können. Von hier oben ist auch der Ausblick auf das Umland bereits atemberaubend. Unter uns ziehen Wolkenfelder vorbei, auf die wir ganz erhaben hinabschauen können. Vereinzelt stoßen markante Gipfel durch die Wolkendecke. Währenddessen taucht die aufgehende Sonne den weißen Dunst in ein unglaubliches Farbspiel.

Brasilien bei Tagesanbruch: Was für ein Anblick!

„Jetzt sind wir gleich da!“

Der Gipfel scheint nun sehr nah zu sein. „Länger als eine Viertelstunde kann es eigentlich nicht mehr dauern“, sagen wir uns. Und so wandern wir weiter und weiter. Doch aus der Viertelstunde wird eine halbe Stunde und dann eine Dreiviertelstunde. Ja, das letzte Stück zum Gipfel zieht sich ungemein. Der Weg wird immer anspruchsvoller, und der Einsatz der Hände lässt sich an einigen Stellen nicht mehr vermeiden. Auch sind manche Steine durch den Regen sehr rutschig und erfordern mehr Konzentration seitens des Wanderers. Zwar machen wir auf diese Art und Weise schnell Höhenmeter gut, aber irgendwie kommen wir dem Gipfel trotzdem nicht näher. Doch wen juckt es? Der Ausblick ist bereits jetzt einfach nur umwerfend und entschädigt für alle Qualen.

Auf dem Gipfel des Pico da Bandeira

Pico da Bandeira
GebirgeSerra de Caparaó
Höhe2892 m
Dominanz2285,9 km → unben. Gipfel
Koordinaten20°26′07″S, 41°47′47″W

Nach eineinhalb Stunden erscheint vor uns plötzlich ein Schild, welches die letzten Meter zum Gipfel weist. Über steile Felsformationen geht es nach oben. Immerhin ist der richtige Pfad hier wieder gut markiert, so dass man nur schwerlich vom rechten Weg abkommen kann. Nach wenigen Minuten erreichen wir schließlich den Gipfel des Pico da Bandeira (2892m), auf dem sich – neben einer Jesus-Statue – auch majestätisch ein hässlicher Sendemast erhebt. Auch altes Mauerwerk finden wir hier oben vor. Dies wird sich später noch als nützlich erweisen. Denn hier oben ist es äußerst windig. Eiskalt fegen starke Sturmböen über uns hinweg, sodass wir fast von unseren Füßen gerissen werden. Da dazu die Sicht aufgrund von Nebel auf wenige Meter zusammengeschrumpft ist, klatschen wir das Gipfelkreuz nur kurz ab und suchen zunächst Schutz an einer der alten Mauern. Dort harren wir für einige Minuten aus, bis sich das Wetter wieder bessert.

Mit letzter Kraft erreichen wir den dritthöchsten Gipfel Brasiliens.

Die Sicht wird besser

Da der Wind mit solch enormen Geschwindigkeiten über den Gipfel hinweg bläst, ziehen auch die Wolkenfronten glücklicherweise schnell weiter. Und so blitzt nach kurzer Zeit endlich wieder etwas Landschaft durch das wolkige Dickicht. Nach wenigen Minuten ist der Himmel dann wieder endgültig klar, also zumindest auf Höhe des Gipfels. Denn unter uns und über uns sind immer noch die imposanten Wolkenteppiche. Dies sorgt für einen unglaublichen Ausblick. Wie ein Meer aus Watte liegt eine weiße Wolkendecke unter uns und treibt gegen die Bergesgipfel, die wie Felsen in der Brandung herausragen. Wir nutzen die Gelegenheit für ein paar Fotos, und genießen jeden Augenblick, den wir hier oben verbringen dürfen. Für diesen Anblick hat sich die ganze Schinderei gelohnt. Und die Krönung: Wir sind ganz alleine hier oben. Weit und breit ist keine Menschenseele in Sicht.

Auf der Westseite löst sich die Wolkendecke schließlich auf und erlaubt einen Blick ins Umland.

Im Osten treiben hingegen dichte Wolken gegen die Berge der Serra de Caparaó.

Der Abstieg

Langsam fangen wir aber dann doch an, im eisigen Wind zu frieren, und so entscheiden wir uns, wieder ins Tal hinabzusteigen. Wir bahnen uns den Weg zurück zum höher gelegenen Campingplatz (2370m), wo unser Zelt bereits sehnsüchtig auf uns wartet. Auch treffen wir hier erste Wanderer an, die gerade Brotzeit machen. Das halten auch wir für eine gute Idee, und sodann vertilgen wir unsere letzten Proviantreste, die nicht dem nächtlichen Raubzug der Maus zum Opfer fielen. Anschließend zerlegen wir unser Zelt, verstauen es in unseren Rucksäcken und setzen den Abstieg weiter fort. Auf dem Weg nach unten kommen uns immer mehr Wanderer entgegen, unter anderem sogar eine ganze Schulklasse. Auch die zwei Botaniker vom Vortag treffen wir wieder. Heute ist also deutlich mehr Betrieb am Pico da Bandeira (2892m) als gestern. Um 12:30 Uhr erreichen wir schließlich den unteren Campingplatz, Tronqueira (1970m).

Die Abfahrt

Da wir den letzten Abschnitt auf der roten Erdstraße nicht auch noch absteigen wollen, organisieren wir uns eine Mitfahrgelegenheit. Glücklicherweise stehen auf dem Parkplatz von Tronqueira (1970m) zahlreiche Jeeps und andere Fahrzeuge, so dass wir hier leichtes Spiel haben. Nach einigen Verhandlungen finden wir einen Fahrer, der uns für 60 Reais (zirka 22 Euro) hinunter ins Tal bringt. Dies ist auch der Preis, der in unserem Reiseführer genannt wird. Sollte ein Fahrer mehr verlangen – einer wollte uns 100 Reais abknüpfen – bleiben Sie standhaft und lassen Sie sich nicht abzocken! Wir schwingen uns in den Jeep und lassen uns auf einer wilden Fahrt zurück zum Parkeingang bringen. Dort melden wir uns offiziell bei der Parkverwaltung ab, ehe wir die letzten zwei Kilometer zu Fuß nach Alto Caparaó zurücklegen.

Auf einer wilden Fahrt geht es wieder hinunter ins Tal.

Zusammenfassung

Die Wanderung auf den Pico da Bandeira ist an sich eine leichte Bergwanderung, die kaum technische Schwierigkeiten aufweist. Erst auf dem letzten Wegabschnitt zum Gipfel wird der Weg etwas ruppiger, ohne je wirklich schwierig zu werden. Jedoch ist dieser Berg zumindest was die Kondition betrifft fordernd. Wer die längste Route geht, muss vom Tal bis zum Gipfel eine Strecke von 17 Kilometern und 1892 Höhenmeter überwinden. Allerdings lässt sich der Weg auch verkürzen, indem man sich per Auto zum Campingplatz Tronqueira auf 1970 Metern bringen lässt. Somit ist dieser Berg auch für konditionsschwächere Personen geeignet. Mit seinen zwei Campingplätzen bietet der Pico da Bandeira auch die nötigen Voraussetzungen für Mehrtagestouren. Lohnenswert ist diese Tour auf jeden Fall, denn vom Gipfel hat man einen ungestörten Blick in alle Richtungen, und speziell in den frühen Morgenstunden kann man hier oben ein unglaubliches Naturspektakel begutachten.

StationenDistanzDifferenzZeit
Alto Caparaó
→ Parkverwaltung +2,5 km 253 m ↑ 0 m ↓+0h 35m
→ Tronqueira +5,6 km 792 m ↑ 65 m ↓+0h 25m
→ Terreirão +3,6 km 400 m ↑ 0 m ↓+2h 05m
→ Pico da Bandeira ✝ +2,7 km 522 m ↑ 0 m ↓+1h 40m
→ Tronqueira +6,3 km 0 m ↑922 m ↓+3h 45m
Gesamt 20,7 km1967 m ↑987 m ↓11h 35m