Der Blick vom Paton Peak über das Seymour Valley mit dem Seymour Lake.

Über dem Seymour Valley

Der Paton Peak


02. Juli 2018 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Besteigung des Paton Peak in den North Shore Mountains. Unsere Wanderung beginnt am Eingang des Lynn Canyon Parks in North Vancouver und führt uns über den Homestead Trail, den Fisherman's Trail und den Seymour Valley Trail zunächst das weitläufige Seymour Valley hinauf. Ein steiler Waldsteig bringt uns im Anschluss hinauf zum einsamen Gipfel des Paton Peak. Nach einer ausgiebigen Pause kehren wir über dieselbe Route wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt.

Schwierigkeit: T3GPS-Route: Download

Ein etwas anderer Ruhetag

Am Morgen nach unserer Tour zum Mount Elphinstone (1266m) treffe ich mich mit meinem alten Schulfreund in einem kleinen Donut-Laden im Herzen Vancouvers. Während wir gemütlich beisammensitzen und uns durch die verschiedenen Donut-Sorten kosten, grübeln wir, was wir mit dem heutigen Tag anfangen sollen.

Nach der gestrigen Odyssee wollen wir es heute auf jeden Fall etwas gemütlicher angehen lassen und unseren Füßen ein wenig Rast gönnen. Andererseits sieht das Wetter heute Morgen ausnahmsweise einmal recht freundlich aus, und es wäre eine Schande, den Tag nicht zumindest für eine kleine Wanderung zu nutzen. Und so sitzen wir schon bald vertieft vor unserer Wanderkarte und suchen nach einem Ziel für den heutigen Tag.

Mein Blick fällt auf den Paton Peak (1020m), einen relativ unbekannten Felskopf, der das Seymour Valley überblickt. Vor einer ganzen Weile hatte ich mich schon einmal über den unscheinbaren Aussichtsgipfel informiert. Der Zustieg soll zwar lang, aber nicht sonderlich schwer sein. Mein Freund hat keine Einwände, und so machen wir uns schon bald auf den Weg nach North Vancouver (196m).

Hinab ins Seymour Valley

Es ist kurz nach halb 11 Uhr morgens, als uns der Bus an der Ecke Underwood und Evelyn absetzt. Der Himmel über den North Shore Mountains hat sich mittlerweile schon wieder etwas zugewölkt, doch zumindest regnet es nicht. Bevor wir uns gleich auf die lange Reise ins Hinterland begeben, steuere ich noch schnell den Dorfladen am Ende der Lynn Valley Road an und kaufe mir eine Flasche Wasser für unterwegs. Dann ziehen wir los.

Über die Rice Lake Road und die Pipeline Bridge erreichen wir schnell den Eingang des Lynn Canyon Park. Am Pavillon direkt bei der Parkverwaltung tummeln sich heute Morgen wieder unzählige Touristen. Zügig lassen wir den Trubel hinter uns und steigen über den steilen Homestead Trail direkt hinab ins deutlich ruhigere Seymour Valley.

Am Ende der Schotterpiste stoßen wir schließlich auf den Fisherman’s Trail. Roter Fingerhut und Roter Holunder säumen den schmalen Pfad, der uns jetzt — immer schön am Westufer des Seymour River entlang — nach Norden bringt. Auch jede Menge Salmonberrys entdecken wir am Wegesrand. Jetzt, Anfang Juli, sind die gelb-orangen Beeren endlich reif und können ohne Bedenken gepflückt werden. Und so bleiben wir auf unserem langen Marsch ins Hinterland tatsächlich das ein oder andere Mal stehen, um ein paar der wilden Beeren zu ernten.

Der Fisherman’s Trail am Seymour River.

Der Fisherman’s Trail führt uns am friedlichen Seymour River entlang.

Halbzeit im Mid Valley

Relativ unspektakulär plätschert der Weg nun vor sich hin, bis wir nach etwa eineinhalb Stunden, direkt hinter dem Hydraulic Creek, die Mid Valley Picnic Area erreichen. Letzten Sommer, als ich beim Abstieg vom Lynn Peak (1015m) zum ersten Mal hier vorbeikam, gab es auf der großen Lichtung noch allerlei Film-Equipment zu bestaunen, das man für die Dreharbeiten der Netflix-Serie »The 100« herangekarrt hatte. Heute sehen wir hingegen nur ein paar Radfahrer, die es sich auf den Liegestühlen neben dem großen, hölzernen Pavillon gemütlich gemacht haben.

Die Mid Valley Picnic Area im Seymour Valley.

An der Mid Valley Picnic Area gönnen wir uns eine erste Verschnaufpause.

Da sich das Wetter langsam wieder zu bessern scheint, nutzen auch wir die Gelegenheit für eine kurze Verschnaufpause und holen schon einmal die Sonnenmilch aus dem Rucksack. »Jetzt dürften wir eh bald da sein«, sagt mein Begleiter zuversichtlich, während er sich eincremt. Doch da unterschätzt er die Distanzen hier draußen deutlich. Tatsächlich müssen wir noch einmal fünf Kilometer gehen, nur um zum Fuß des Paton Peak (1020m) zu kommen.

Bevor wir unseren langen Marsch ins Hinterland fortsetzen, werfen wir noch einmal einen Blick in unsere Wanderkarte. Laut dieser müssten wir jetzt der Seymour Mainline nach Norden folgen. Doch diese ist — wie wir schnell feststellen — für die Öffentlichkeit gesperrt. Von meinem letztjährigen Ausflug zum Lynn Peak (1015m) weiß ich aber, dass es etwas weiter westlich auch noch den Seymour Valley Trail gibt, der parallel zur Mainline verläuft. Und so peilen mein Begleiter und ich eben diesen an.

Der Seymour Valley Trail

Nach einem kurzen Intermezzo auf dem Hydraulic Connector erreichen wir schon bald die breite Teerpiste, die sich bis zum Staudamm am Seymour Lake hinaufzieht. Hier herrscht nun deutlich mehr Betrieb. Nahezu im Minutentakt sausen Radfahrer, Inlineskater und Longboarder an uns vorbei. Zu Fuß ist hier draußen hingegen niemand mehr unterwegs — uns einmal ausgenommen...

»Habt ihr ‘ne Regenjacke dabei?«, ruft uns eine vorbeifahrende Radfahrerin mit sorgenvoller Miene zu. »Bald wird’s regnen!« Wir verziehen nur das Gesicht und nicken. Natürlich sind wir für alle Eventualitäten ausgerüstet, doch — wenn wir ganz ehrlich sind — könnten wir auf den Regen heute gerne einmal verzichten. Da wir das Wetter aber letztlich eh nicht ändern können, bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Marsch ins Hinterland unbeirrt fortzusetzen. Schon bald lassen wir nicht nur Jack’s Burn Picnic Area hinter uns, sondern auch den ein oder anderen kleinen Bachlauf.

Nachdem wir schließlich den Stoney Creek überquert haben, halten wir die Augen offen, um die Abzweigung zum Paton Peak (1020m) ja nicht zu verpassen. Doch wie sich schon bald herausstellt, ist diese gar nicht zu verfehlen. Unmittelbar vor der Stoney Creek Picnic Area zweigt linkerhand eine breite Piste aus Schotter und Gras in den Wald hinein. »Ja, hier müssen wir rein!«, nickt mein Begleiter nach einem prüfenden Blick in die Karte.

Der Aufstieg beginnt

Erst jetzt, nach mehr als 13 Kilometern, beginnt der eigentliche Aufstieg. Für ein paar Minuten folgen wir der breiten Piste hinauf, bis wir den erstaunlich mickrigen Oberlauf des Stoney Creek erreichen. Spätestens hier ist dann auch für die Mountainbiker Schluss. Und tatsächlich entdecken wir jenseits des Baches, gut versteckt hinter einem Gebüsch, ein abgestelltes Fahrrad. »Scheint so, als wären wir heut’ doch nicht ganz alleine am Berg«, ruft mir mein Begleiter zu.

Dann werden wir vom wilden Regenwald der North Shore verschlungen. Abgebrochene Äste und zerborstene Stämme liegen zwischen den standhaften Zedern und Douglasien verstreut, die sich den steilen Berghang hinaufziehen. Während wir uns langsam durch das chaotische Dickicht nach oben kämpfen, fängt es tatsächlich an zu regnen. Zunächst versuchen wir noch, dem Niederschlag zu trotzen, dann holen wir aber doch, mit einem resignierten Seufzer, unsere Regenjacken aus dem Rucksack.

Der Aufstieg zum Paton Peak in den North Shore Mountains bei Vancouver.

Der Aufstieg zum Paton Peak führt durch den wilden Regenwald der North Shore Mountains.

Relativ ereignislos geht es nun über allerlei Laub, Moos und Gehölz weiter den Hang hinauf. Aus unserer Monotonie werden wir erst nach einer knappen Stunde gerissen, als wir plötzlich über uns ein paar Stimmen vernehmen. »Ich sag euch eins«, ruft uns ein leicht verwildert dreinblickender Mann mit einem breiten Grinsen entgegen. »Das Runterkommen ist mindestens zweimal so schwer wie das Raufgehen!« Dann schlittert er vorsichtig über das nasse Wurzelwerk zu uns herab.

Für ein, zwei Minuten unterhalten wir uns mit dem urigen Kanadier. Gemeinsam mit seinen vier Freunden hat er oben am Coliseum Mountain (1441m) die Nacht verbracht, erzählt er uns — eine Tour, die ich auch gerne einmal machen würde, und so lausche ich neugierig seinen Schilderungen. Als kurz darauf seine Begleiter aufschließen, verabschieden wir uns voneinander.

Während der Kanadier mit seinen Freunden zurück ins Tal drängt, setzen wir im unablässigen Nieselregen unseren Aufstieg fort. Mein Begleiter prescht wie gewohnt vorneweg, ich keuche ihm wie gewohnt hinterher.

Das Terrain wird nun immer anspruchsvoller. Ehe wir uns versehen, müssen wir uns mit Hand und Fuß durch gleich drei seilversicherte Passagen arbeiten. Für uns, als halbwegs erfahrene Bergsteiger, stellen diese aber kein Hindernis dar.

Eine seilversicherte Stelle auf dem Weg zum Paton Peak in den North Shore Mountains bei Vancouver.

Die ein oder andere seilversicherte Stelle muss auf dem Weg nach oben überwunden werden.

Nichtsdestotrotz macht sich langsam Unmut breit. »Sollten wir nicht schon lange am Gipfel sein!?« rufe ich meinem Begleiter zu? Doch der ist genauso ratlos wie ich. »Also, wenn wir in einer halben Stunde immer noch nicht da sind, dann kehren wir um«, schlägt er vor.

Und dann passiert es!

Während wir noch jammern, lichtet sich plötzlich der Wald, und ein Wegkreuz mit einem kleinen Steinhaufen taucht vor uns auf. Links führt ein schmaler Pfad weiter zum Coliseum Mountain (1441m), rechts geht es hinauf zum Paton Peak (1020m). Wie aus dem Nichts scheint der langersehnte Gipfel jetzt endlich in Reichweite.

Mit neugewonnener Euphorie und ein paar beherzten Handgriffen klettern wir die letzten, kleinen Felsstufen hinauf. Zu unserer Freude hat es mittlerweile auch wieder aufgehört zu regnen.

Der Blick vom Paton Peak in Richtung Vancouver.

Hinter einem dunklen Wolkenband blitzen in der Ferne die Straßenzüge von Vancouver hervor.

Der Paton Peak

Paton Peak
AliasPaton Lookout
LandKanada
GebirgeCoast Mountains
KammNorth Shore Mountains
Höhe1020 m
Koordinaten49°25′59″N, 123°59′19″W

Um 15:15 Uhr erreichen wir das weitläufige Gipfelplateau. Dunkle Regenwolken treiben jetzt von Westen herein, und ein frischer Wind fährt durch die kleinwüchsigen Zedern am Wegesrand. Zielstrebig stapfen wir über die grüne-graue Granitlandschaft, vorbei an struppigen Sträuchern und traurigen Tümpeln. An der nördlichen Abbruchkante endet unser Vorstoß schließlich. Erleichtert legen wir die Rucksäcke ab und suchen uns ein schönes Plätzchen für eine Pause.

Der Gipfel des Paton Peak in den North Shore Mountains.

Zufrieden schlendern wir über das weitläufige Gipfelplateau.

Tief im Tal unter uns, eingezwängt zwischen den bewaldeten Flanken des Cathedral Mountain (1737m) und der Fannin Range, liegt uns der Seymour Lake zu Füßen. Wie ein tiefblauer Teppich zieht sich das Reservoir den Talboden hinauf und verliert sich schließlich in der Ferne. Ein prächtiger Regenbogen steht über dem Stausee.

Ein Regenbogen über dem Seymour Lake in den North Shore Mountains.

Über den Seymour Lake spannt sich ein malerischer Regenbogen.

Im Westen zeigt sich uns die langgezogene Cathedral/Lynn Range mit dem Lynn Peak (1015m), den drei Needles und natürlich dem weißbestäubten Coliseum Mountain (1441m). Direkt daneben ergießt sich der Paton Creek, welcher von den Cornet Lakes am Mount Burwell (1541m) gespeist wird, in unzähligen Kaskaden talwärts.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Seymour Valley blitzt immer wieder einmal das religiös-angehauchte Gipfel-Sextett aus Presbyter Peak (1487m), Deacon Peak (1495m), Mount Bishop (1509m), Vicar Peak (1247m), Curate Peak (1266m) und Rector Peak (1270m) aus den Wolken hervor.

Rückkehr in die Zivilisation

Eine knappe halbe Stunde verweilen mein Begleiter und ich auf dem einsamen Gipfel, dann treten wir den Rückzug an. Es wird langsam spät, und wir wollen noch vor dem Einbruch der Dunkelheit wieder aus dem Park sein.

Das Gipfelplateau des Paton Peak in den North Shore Mountains.

Nach einer langen Gipfelpause treten wir wieder den Rückzug an.

Mit Siebenmeilenstiefeln jagen wir bald schon wieder den finsteren Bergwald hinab zum Seymour Valley Trail. Die endlose Teerpiste, die vorhin noch geradezu vor Leben sprühte, wirkt mittlerweile düster und verlassen. Es besteht kein Zweifel, hier draußen neigt sich der Tag schön langsam dem Ende entgegen. Und so legen wir noch einmal einen Zahn zu.

Der Seymour Valley Trail in den North Shore Mountains.

Der Seymour Valley Trail wirkt mittlerweile düster und verlassen.

Kurz bevor wir die Abzweigung zum Homestead Trail erreichen, gönnen wir uns aber dann doch noch eine kurze Pause zum Durchatmen. Durch eine unscheinbare Lücke in der Uferböschung führe ich meinen alten Schulfreund hinab zum ruhigen Bett des Seymour River. Ich kenne diese Stelle noch zu gut. Nach der erfolgreichen Überschreitung des Lynn Peak (1015m) kam ich mit meinem Mitstreiter auch hierher.

Während ich ein paar Fotos vom Uferrand aus knipse, balanciert mein Begleiter unbeschwert über eine paar Felsen zur Flussmitte. Ein lautes Platschen, gefolgt von einem genervten »Argh«, setzen dem kühnen Balance-Akt aber dann doch ein vorzeitiges Ende. »Des hat’s jetzt gebraucht, oder?« seufzt er nur und zieht seinen linken Fuß aus dem Wasser...

Der Seymour River in den North Shore Mountains.

Am idyllischen Seymour River gönnen wir uns eine allerletzte Verschnaufpause.

Als wir kurz darauf die Schlussetappe in Angriff nehmen, können wir aber schon wieder darüber lachen. Mit mehr oder weniger nassen Schuhen schleppen wir uns über den Homestead Trail hinauf zum Parkeingang und erreichen nach fast neun Stunden endlich wieder die Zivilisation. Aus unserer lockeren Wanderung ist mal wieder eine absolute Mammut-Tour geworden. Aber als Vorbereitung für den Nootka Trail, der uns als nächstes erwartet, ist das vielleicht gar nicht so verkehrt.

Unseren Bus verpassen wir zwar um Haaresbreite, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch! Zufrieden setzen wir uns unter eine alte Zeder am Straßenrand und bestellen schon einmal unser wohlverdientes Abendessen.

StationenDistanzDifferenzZeit
Underwood Ave & Evelyn St
→ Mid Valley Picnic Area +8,8 km113 m ↑109 m ↓+1h 35m
→ Paton Peak ✝ +6,9 km901 m ↑ 81 m ↓+2h 55m
→ Mid Valley Picnic Area +6,9 km 81 m ↑901 m ↓+2h 35m
→ Underwood Ave & Evelyn St +8,8 km109 m ↑113 m ↓+1h 30m
Gesamt 31,4 km1204 m ↑1204 m ↓8h 35m