Blick vom Gipfel des Psiloritis über das Ida-Gebirge.

Dem Göttervater auf der Spur

Die Besteigung des Psiloritis


08. Mai 2018 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Besteigung des Psiloritis im Ida-Gebirge. Unsere Wanderung auf den höchsten Berg Kretas beginnt am Refuge Lakos Migerou bei Livadia. Von dort führt uns ein gut ausgebauter Weg in knapp zwei Stunden hinauf auf den geräumigen Gipfel. Nach einer langen Pause im Schatten der Gipfelkapelle Timios Stavros zwingt uns ein eiskalter Wind schließlich wieder zum Abstieg. Dieser führt uns über dieselbe Route wieder hinab zum Parkplatz.

Schwierigkeit: T2GPS-Route: Download

Ein mythischer Berg

Unsere dreitägige Erkundungstour auf Kreta wollen wir gleich mit einem Paukenschlag eröffnen. Zum Auftakt haben wir uns mit dem Psiloritis (2456m) nichts Geringeres als den höchsten Berg der Insel zum Ziel gesetzt. Bereits von Weitem ist der markante Gipfel, der aus dem Ida-Gebirge emporragt, zu erkennen. Dem Mythos nach soll Zeus, der Göttervater, hier das Licht der Welt erblickt haben.

Abenteuerliche Anreise

An schönen Tagen lässt sich vom Gipfel des Psiloritis (2456m) sowohl das Ägäische als auch das Libysche Meer erkennen. Im Moment haben wir aber noch arge Zweifel, ob wir heute in den Genuss dieses herrlichen Panoramas kommen werden. Der Blick aus dem Fenster verspricht zumindest nichts Gutes. Noch halten dunkle Wolken und dichter Nebel das Ida-Gebirge fest im Griff.

Bildergalerie: Psiloritis

Wie launisch das Wetter zurzeit ist, merken wir spätestens bei der Anfahrt. Die Bergstraße bei Livadia ist über mehrere Kilometer mit Felsbrocken übersät. »Hier muss das gestrige Unwetter ziemlich gewütet haben«, merkt mein Begleiter an, während er im dichten Nebel eine Route durch den Steinschlag sucht. Dass wir uns die kurvenreiche Straße zudem auch noch mit ein paar suizidalen Schafen teilen müssen, sorgt für zusätzliche Würze...

Das Refuge Lakos Migerou

Am unbewirteten Refuge Lakos Migerou (1580m) endet die Bergstraße schließlich. Wir stellen unseren Wagen auf dem nahezu leeren Parkplatz ab und steigen aus. Während mein Begleiter schon bald mit zwei Wanderern ins Gespräch kommt, die gerade vom Berg heruntergekommen sind, nutze ich die Gelegenheit und schaue mich etwas um. Die Schutzhütte selbst sieht eigentlich ganz passabel aus. Neben einem Ofen gibt es einen Tisch mit ein paar Stühlen, eine kleine Küchenzeile, ein Waschbecken, sowie mehrere Schlafplätze. Die Toiletten im Anbau hingegen machen keinen einladenden Eindruck. Der Boden ist vollständig mit Müll bedeckt, und fließend Wasser gibt es im Moment auch nicht. Mit diesen eher zwiespältigen Eindrücken kehre ich zum Auto zurück, wo mein Begleiter schon auf mich wartet. »Also die beiden waren nur eine halbe Stunde unterwegs. Dann haben sie aufgegeben«, berichtet er mir. »Gesehen hätten sie bei dem Nebel eh nichts.«

Nebel am Refuge Lakos Migerou.

Noch liegen die Berge rund um das Refuge Lakos Migerou im Nebel.

Der Aufstieg beginnt

Dem Wetter zum Trotz machen wir uns gegen 11 Uhr auf den Weg. Auf dem leicht ansteigenden Pfad, der auf der anderen Straßenseite beginnt, kommen wir schnell voran. Dies liegt vor allem daran, dass der Weg erst vor wenigen Jahren angelegt wurde und daher hervorragend ausgebaut ist. Teilweise hat man sich sogar die Mühe gemacht und die Route mit Steinen gepflastert.

Das karge Ida-Gebirge.

Ein gut ausgebauter Weg führt uns durch die karge Bergwelt des Ida-Gebirges.

Relativ ereignislos plätschert der Aufstieg nun vor sich hin. Außer ein paar Schafen, die in der kargen Landschaft nach Nahrung suchen, gibt es entlang des Weges nicht sonderlich viel zu entdecken. Jahrtausende der Überweidung haben hier zweifelsohne ihre Spuren hinterlassen. Statt Wäldern und Weiden prägen kleine Sträucher – Phrygana genannt – die Umgebung. »Erinnert mich irgendwie an die Sierra Nevada«, merkt mein Begleiter treffend an.

Deutlich interessanter als die Landschaft ist im Moment das Wetter: Innerhalb von 15 Minuten hat es sich vollkommen gedreht! Statt dichtem Nebel spannt sich auf einmal ein strahlend blauer Himmel über das Ida-Gebirge. Da wir der Mittagssonne nun gnadenlos ausgeliefert sind, holen wir sicherheitshalber die Sonnenmilch aus dem Rucksack. »Gut, dass wir die doch nicht im Auto gelassen haben!«, sage ich zu meinem Begleiter.

Blauer Himmel über dem Agathias.

Das Wetter hat sich mittlerweile merklich gebessert!

Im Schatten des Agathias

Motiviert vom schönen Wetter steigen wir weiter auf, bis wir – auf etwa 2250 Metern – ein große Mulde mit jeder Menge Altschnee entdecken. Genau hier, im Schatten des Agathias (2424m), stößt unsere Route mit dem E4 zusammen, der uns nun langsam dem Tagesziel immer näher bringt. Obwohl der Weg ab jetzt etwas anspruchsvoller wird, kommen wir immer noch gut voran. Selbst ein steiles Schneefeld lassen wir ohne Probleme hinter uns. Zügig traversieren wir die Nordflanke des Agathias und erreichen kurz darauf den Sattel zum Psiloritis (2456m), wo uns ein eiskalter Wind empfängt. Jetzt trennt uns nur noch ein kurzes Gratstück vom höchsten Punkt Kretas.

Schneefelder auf dem Weg vom Agathias zum Psiloritis.

Kurz vor dem Gipfel des Psiloritis stoßen wir auf die ersten Schneefelder.

Das Dach von Kreta

Psiloritis
AliasMount Ida | Timios Stavros
LandGriechenland
InselKreta
GebirgeIda-Gebirge
Höhe2456 m
Koordinaten35°13′35″N, 24°46′15″E

Nach gerade einmal zwei Stunden ist es dann geschafft! Frierend, aber glücklich, erreichen wir den geräumigen Gipfel des Psiloritis (2456m). Hinter der steinernen Kapelle Timios Stavros entdecken wir auch ein paar andere Wanderer, die vor dem stürmischen Wind Schutz suchen. Nachdem wir die Gipfelglocke geläutet haben, gesellen wir uns zu ihnen hinzu und holen etwas wärmere Klamotten aus dem Rucksack.

Die Kapelle Timios Stavros am Psiloritis.

Auf dem höchsten Punkt Kretas thront die Gipfelkapelle Timios Stavros.

Der Ausblick von hier oben ist fantastisch! Obwohl der Sturm noch immer vereinzelte Wolken über das Ida-Gebirge hinweg peitscht, bietet sich uns ein umwerfendes Panorama, das vom Ägäischen Meer im Norden bis zum Libyschen Meer im Süden reicht. Spätestens jetzt sind mein Begleiter und ich mehr als froh, dass wir uns vom Nebel heute Morgen nicht haben abschrecken lassen.

Blick vom Gipfel des Psiloritis.

Ein kräftiger Wind treibt vereinzelte Wolken über das Ida-Gebirge hinweg.

Nach und nach verabschieden sich die anderen Wanderer, und so sind bald nur noch wir zwei am Gipfel. Eine knappe halbe Stunde bleiben wir noch hier oben und trotzen dem Wind, dann machen aber auch wir uns wieder auf den Rückweg.

Abstieg in Rekordzeit

Mit flotten Schritten jagen wir wieder die Aufstiegsroute hinab und überholen dabei schon bald die Anderen – und das, obwohl sie lange vor uns aufgebrochen waren. Es ist ein Abstieg in Rekordzeit! Gerade einmal eine Stunde sind wir unterwegs, bis wir wieder vor unserem Auto stehen. Zufrieden hieven wir die Rucksäcke zurück in den Kofferraum, dann wird es Zeit, Abschied vom Psiloritis (2456m) zu nehmen.

Blick auf das Refuge Lakos Migerou.

Im Laufschritt steigen wir wieder hinab zum Refuge Lakos Migerou.

Unterwegs zum nächsten Abenteuer

Untermalt von arabischer Musik, die – warum auch immer – aus dem Autoradio dröhnt, brettern wir wieder die kurvenreiche Bergstraße hinab. Der Auftakt ist gemacht! Bevor es gleich weiter zur nächsten Etappe unserer Kreta-Reise geht, legen wir noch einen Stopp beim Restaurant Thraka (ΘΡΑΚΑ) in der Kleinstadt Perama ein. Denn ein ordentliches (Nach)-Mittagessen haben wir uns mittlerweile mehr als verdient!

Schafe auf der Bergstraße nach Livadia.

Es besteht kein Zweifel: Die kretischen Straßen gehören den Schafen!

StationenDistanzDifferenzZeit
Refuge Lakos Migerou
→ Psiloritis ✝ +4,4 km879 m ↑3 m ↓+2h 00m
→ Refuge Lakos Migerou +4,4 km3 m ↑879 m ↓+1h 00m
Gesamt 8,8 km882 m ↑882 m ↓3h 00m