Grindelwald und die Eiger-Nordwand, gesehen vom Männlichen.

Allen Warnungen zum Trotz

Die Besteigung des Männlichen


19. Dezember 2015 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht behandelt die Besteigung des Männlichen im Berner Oberland. Unsere Schneeschuhtour beginnt an der Mittelstation Holenstein – hoch über den Dächern Grindelwalds. Von dort führt uns ein gut präparierter Winterwanderweg über das Berghaus Männlichen zum gleichnamigen Gipfel. Nach einer langen Gipfelpause, bei der wir den Blick über das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau genießen, kehren wir mit der Seilbahn wieder zurück nach Grindelwald.

Schwierigkeit: WT2GPS-Route: DownloadWanderkarte: Kompass 84

Ratlos in Grindelwald

Etwas ratlos stehen wir vor den Toren der Tourist-Info in Grindelwald (1034m). Wir sind heute Morgen extra ins Berner Oberland gereist, um im Schatten der Eiger-Nordwand (3970m) eine lockere Schneeschuhtour zu unternehmen. Doch aus diesem Plan scheint nichts zu werden. Zwar hat das Tourist-Center selbst noch geschlossen, aber die Schautafel im Eingangsbereich lässt nichts Gutes erahnen. Wie es scheint, sind momentan alle Winterwanderwege gesperrt. Ohne Ausnahme.

Grindelwald im Schatten der Eiger-Nordwand.

Die Sonne hält sich noch hinter der Eiger-Nordwand versteckt.

Vorsorglich schlendern wir trotzdem einmal hinüber zum Sportgeschäft auf der anderen Straßenseite, um uns ein paar Schneeschuhe auszuleihen. Das Wetter ist heute einfach zu gut, um den Tag in irgendeiner Stube zu verplempern! Während uns der Verkäufer nach hinten zum Verleih führt, fragen wir ihn über mögliche Touren aus. Als wir das Faulhorn (2681m) erwähnen, verzieht er nur das Gesicht. »Lieber nicht! Das ist momentan zu gefährlich«, erklärt er uns. »Lawinengefahr!« Doch beim Männlichen (2343m) hellt sich seine Miene plötzlich auf. »Ja, der sollte gehen!« Freudig greifen wir uns die Schneeschuhe und verabschieden uns. Der Berg ruft!

Bildergalerie: Männlichen

Die Männlichenbahn

Nach einer kurzen Busfahrt finden wir uns an der Talstation der Männlichenbahn wieder. Um die Tour etwas abzukürzen, wollen wir zunächst mit der Seilbahn bis zur Mittelstation (1624m) fahren und von dort aus zu Fuß weitermarschieren. Als wir der Dame am Ticketschalter unseren Plan erklären, schaut diese uns nur verdutzt an. Schließlich bricht sie aber doch ihr Schweigen. Da mein Schwyzerdütsch nicht so gut ist, verstehe ich lediglich ein paar Wortfetzen: »Nicht ideal!« – »Sehr eisig!« – »Nicht zu empfehlen!«. Ermutigend klingt das alles nicht, doch wir wollen es probieren! Immerhin reden wir hier nur von einer schneebedeckten Forststraße und nicht von der Eiger-Nordwand (3970m). Zuversichtlich trotten wir kurz darauf hinüber zu den possierlichen rot-weißen Gondeln der Männlichenbahn.

Die Männlichenbahn bei Grindelwald.

Mit den niedlichen Gondeln der Männlichenbahn geht es hinauf zur Mittelstation.

An der Mittelstation Holenstein

Als wir 15 Minuten später an der Mittelstation Holenstein (1624m) wieder an die frische Luft treten, erwartet uns ein eisiger Empfang. Hier oben ist es in der Tat deutlich winterlicher als noch an der Talstation. Ein dicker Panzer aus Schnee und Eis spannt sich über den geräumigen Vorplatz der Mittelstation, und auch die Tannen am Wegesrand scheinen unter der weißen Last ordentlich zu ächzen. Ohne lange zu zögern lösen wir die Schneeschuhe von unseren Rucksäcken und holen unsere Handschuhe heraus. Dann kann es endlich losgehen!

Die Mittelstation Holenstein am Männlichen.

Der Startpunkt unserer Schneeschuhtour ist die Mittelstation Holenstein.

Ein Wintermärchen

Voller Elan biegen wir auf den breiten, gut erkennbaren Winterwanderweg zum Männlichen (2343m) ein. In der Tat ist es hier oben »sehr eisig« – genauso wie man es uns prophezeit hatte – doch wozu haben wir Schneeschuhe dabei? Mit einem lauten Ratsch graben sich die Metallzacken in den gefrorenen Untergrund. Hier rutscht absolut gar nichts mehr! Vermutlich hätten heute auch ein paar Grödeln genügt, denn aufgrund des milden Winters liegt der Schnee nicht sonderlich hoch. Teilweise müssen wir sogar etwas abseits des Weges gehen, um unsere Schneeschuhe nicht auf dem blanken Teer zu beschädigen. So oder so, die Wegverhältnisse sind deutlich besser als erwartet.

Der Winterwanderweg zum Männlichen.

Die Wegverhältnisse sind nicht einmal ansatzweise so schlimm, wie man uns weismachen wollte.

Entspannt arbeiten wir uns über den vereisten Weg nach oben, von Serpentine zu Serpentine, von Kehre zu Kehre. Dabei passieren wir nicht nur diverse Skipisten, sondern auch die ein oder andere rustikale Berghütte am Wegesrand. Es ist wie in einem Wintermärchen! Als nach einer Dreiviertelstunde zudem auch noch die Sonne zwischen Eiger (3970m) und Mönch (4107m) hervorbricht, verschlägt es uns fast die Sprache. Was für ein herrlicher Morgen!

Sonnenaufgang zwischen Eiger und Mönch.

Die Sonne bricht genau zwischen Eiger (links) und Mönch hervor.

Brotzeit am Berghaus

Nach etwa zweieinhalb Stunden erreichen wir schließlich das Berghaus Männlichen (2225m), das direkt über einer großen Skipiste thront. Wie zu erwarten herrscht hier oben ein reges Gedränge. Unzählige Seilbahntouristen und Wintersportler bevölkern heute mal wieder die große Sonnenterrasse. Bevor wir gleich zum Gipfel des Männlichen (2343m) weitergehen, entscheiden auch wir uns für eine kleine Brotzeitpause. Ohne Umschweife machen wir es uns auf der Terrasse gemütlich und genießen für ein paar Minuten – bei Kaffee und heißer Schokolade – das herrliche Winterwetter.

Das Berghaus Männlichen.

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir das Berghaus Männlichen.

Der Gipfel der Gefühle

Pollux
GebirgeBerner Oberland
KammBerner Voralpen
Höhe2343 m
Dominanz2,1 km → Tschuggen
Koordinaten46°37′05″N, 07°56′17″E
KarteKompass 84

Gerne würden wir hier noch länger sitzen bleiben – doch auf uns wartet noch ein Gipfel! Und so packen wir nach einer halben Stunde wieder unsere Schneeschuhe und wenden uns endgültig dem Männlichen (2343m) zu. Der Weg zum Gipfel ist kurz und kaum der Rede wert. Ein kurzer Abschwung, eine leicht ansteigende Piste, dann haben wir auch schon den höchsten Punkt erreicht!

Der Gipfel des Männlichen.

Über eine breite Piste geht es hinauf zum Gipfel.

Zufrieden schlendern wir über die schneebedeckte Kuppe und schauen uns um. Der Ausblick von hier oben ist traumhaft! Während sich im Westen das markante Schilthorn (2973m) über dem tief eingeschnittenen Lauterbrunnental erhebt, zeigt sich etwas nördlich der hell schimmernde Brienzersee bei Interlaken. Hoch über dem Lütschental spannt sich der tief verschneite Kamm rund um das Faulhorn (2680m), und im Osten blicken wir hinab auf unseren Startpunkt, Grindelwald, das vom wilden Wetterhorn (3692m) und dem imposanten Schreckhorn (4078m) eingerahmt wird. Doch am eindrucksvollsten ist und bleibt selbstverständlich der Blick gen Süden auf das Dreigestirn Eiger (3970m), Mönch (4107m) und Jungfrau (4158m).

Eiger, Mönch und Jungfrau.

Der Blick auf das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau (von links) ist hervorragend.

Das Lauterbrunnental.

Im Westen blicken wir hinab auf das tief eingeschnittene Lauterbrunnental.

Blick auf den Brienzersee vom Männlichen.

Schwach zeichnet sich am Horizont der Brienzersee ab.

Grindelwald und die Eiger-Nordwand.

Noch immer wirft die Eiger-Nordwand ihren Schatten über Grindelwald.

Im Sinkflug gen Grindelwald

Das Wetter! Der Ausblick! Es ist so herrlich hier oben, dass wir heute gar nicht mehr absteigen wollen. Fast zwei Stunden lang genießen wir die Gipfelsonne und lassen unsere Blicke über das winterliche Berner Oberland schweifen. Erst als sich die Sonne langsam dem Horizont nähert, raffen wir uns wieder auf. Zufrieden schnappen wir die Rucksäcke und trotten gemütlich hinab zum Berggasthaus – gerade noch rechtzeitig zur letzten Talfahrt nach Grindelwald. Aus der engen Gondel der Männlichenbahn werfen wir noch einmal einen Blick zurück auf die tief verschneiten Hänge und das zarte Orange des Abendhimmels. Es ist der perfekte Abschluss für einen herrlichen Tag!

StationenDistanzDifferenzZeit
Mittelstation Holenstein
→ Berghaus Männlichen +5,9 km628 m ↑ 0 m ↓+2h 30m
→ Männlichen ✝ +1,0 km 93 m ↑ 3 m ↓+0h 20m
→ Berghaus Männlichen +1,0 km 3 m ↑ 93 m ↓+0h 15m
Gesamt 7,9 km724 m ↑ 96 m ↓ 3h 05m