Verschollen im Schneesturm

Eine Wintertour auf den Großen Rachel


13. Januar 2012 • Autor: brm.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Besteigung des Großen Rachel im Bayerischen Wald. Unsere Schneeschuhwanderung beginnt am Wanderparkplatz Gfäll bei Spiegelau. Von dort führt uns der Weg langsam Richtung Waldschmidthaus. Doch bevor wir dieses erreichen können, setzt ein Whiteout ein und raubt uns die Sicht. Nach langer Irrfahrt erreichen wir schließlich doch noch die Hütte sowie den Gipfel des Großen Rachel.

Schwierigkeit: WT2GPS-Route: DownloadWanderkarte: Kompass 198

Eine Extremtour im Bayerischen Wald

Starke Böen zischen über das von Eis bedeckte, meterhohe Gipfelkreuz, harte Schneekörner punktieren unser Gesicht wie Sand bei einem Wüstensturm, Schnee hängt uns in den Mützen, in den Haaren, im Nacken und die Finger und Zehen sind eiseskalt und verlangen nach Wärme und Bewegung.

Diese Worte beschreiben am besten die letzten Meter zum Gipfel eines Berges, der uns vier Stunden lang mehr gefordert hat als jeder andere Berg, den dieser Clan bis dato bestiegen hat. Automatisch denkt man jetzt an eine monströse Erhebung mit furchteinflößendem Namen. Unser Berg jedoch hieß Großer Rachel und befindet sich mit nicht wirklich beängstigenden 1453 Metern im Bayerischen Wald. Wir haben ihn aber zu einem Zeitpunkt bestiegen, der äußerst ungünstige und harte Bedingungen für eine Schneeschuhwanderung bot.

Anfahrt in die Schneelandschaft

Bereits bei der Anfahrt beeindrucken uns die hohen Schneeberge, die sich am Straßenrand von Spiegelau Richtung unserem Startpunkt, dem Parkplatz Gfäll (945m), anhäufen. Die Straße nach Gfäll wird im Winter regelmäßig geräumt und ist von 01. November bis 14. Mai befahrbar. In der restlichen Zeit bringt ein Igelbus die Touristen zu den umliegenden Ausflugszielen.

Schneemassen am Straßenrand.

Erster Warnschuss des Berges

Wir folgen der Auerhahnroute. Der Weg wurde kurz vor uns von Skitourengehern freigelegt und ist gespurt. Der Schnee ist hart und wir sinken auch ohne Schneeschuhe kaum ein und kommen gut voran. Nach fünf Minuten hören wir eine Böe über die Kronen der Bäume hinwegziehen. Dicke Schneebälle gehen zu Boden und reflexartig ziehen wir unsere Köpfe ein. Als wir wieder aufblicken, liegt keinen Meter neben uns ein unterarmdicker und zwei Meter langer Ast. Es wirkt, als wolle der Berg verhindern, dass wir ihn besteigen. Wir gehen nicht darauf ein. Zu unserer Verteidigung sei an dieser Stelle gesagt, dass bereits am Parkplatz ein Warnhinweis angebracht wurde, der darauf hinweist, dass der Wald sich selbst überlassen ist und herabfallende Äste keine Seltenheit seien.

Quelle der Erheiterung

Im weiteren Wegverlauf beweist nur der aufkommende Nebel, dass die Zeit vergeht. Erst nach einer Stunde zeigt sich menschlicher Einfluss: Ein Schild weist auf eine Quelle hin, die keine zwei Meter nebenan kalt vor sich hin plätschert. Ein erfreulich lautes Detail in der kargen und schweigsamen Landschaft, die nicht einmal von Tierspuren, geschweige denn Vogelgezwitscher, durchzogen ist.

Eine Quelle mit Gedicht.

Schneeschuhe werden notwendig

Danach lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf abgestorbenes Brachland frei. Gesunde Bäume finden wir hier kaum mehr einen. Nur noch tote Baumstümpfe und entwurzelte Tannen. Obwohl wir über die Abwechslung hoch erfreut sind, hat das Fehlen des schützenden Waldes doch erhebliche Nachteile: Der Wind, der vorher noch über den Wipfeln pfiff, weht uns hier voll ins Gesicht. Außerdem steigt auch die Schneehöhe merklich an und bereits nach einigen Metern müssen wir auf unsere Schneeschuhe zurückgreifen. Zu guter Letzt beginnt es auch noch zu schneien.

Harmloser Whiteout

Während wir über den wegen der umgebenden Baumstümpfe und Sträucher gut zu erkennenden Weg gehen, wird der Nebel immer dichter. Nach und nach breitet sich um uns ein Bild aus, vor dem viele Bergsteiger im höhergelegenen Gebirge enormen Respekt haben: ein Whiteout. Ein Whiteout entsteht, wenn der schneebedeckte Horizont nahtlos in den weißen Himmel oder Nebel übergeht. Bei betroffenen Personen breitet sich Orientierungslosigkeit und Schwindel aus, da um sie herum alles nur noch weiß ist. Uns betrifft dies gottseidank nicht, denn die Pflanzen, die nie komplett schneebedeckt sind, zeigen uns noch die ungefähre Richtung. In dieser hoffnungslos tristen Umgebung begegnen uns dann tatsächlich die Skitourengeher, die mit ihren Skiern an uns vorbei ins Tal abfahren.

Ein Whiteout: Dank der Pflanzen aber halb so wild.

Wo ist die Hütte?

Eine weitere Stunde nach Abmarsch von der Quelle erreichen wir schließlich einen Wegweiser, der uns die Richtung zum Waldschmidthaus (1360m), unserem nächsten Anlaufpunkt, vorgibt. An diese Richtung halten wir uns, doch bereits nach zehn Minuten stellen wir enttäuscht fest, dass wir uns verlaufen haben. Da der richtige Weg hier nicht mehr zu erkennen ist und auch die Spuren der Skitourengeher, an denen wir uns bisher gut orientieren konnten, wegen der Schneeverwehungen nicht mehr auffindbar sind, gehen wir zurück zum Wegweiser, um von dort nochmals zu planen. Anhand einer mitgeführten Karte erkennen wir, dass unser Weg eigentlich deutlich steiler abbiegen müsste. Also gehen wir auf einem improvisierten Weg zum zweiten Mal los. Markierung sind an den schneebedeckten Bäumen nicht zu erkennen. Nach zehn Minuten im tiefsten Dickicht des wieder erschienenen Waldes stellen wir enttäuscht fest, dass auch diese Route falsch ist. Wir machen kehrt und kehren wieder zum Wegweiser zurück. Unsere Spuren sind zu diesem Zeitpunkt aufgrund des immer stärker werdenden Windes und Schneefalls kaum mehr zu erkennen.

Wir wagen dennoch einen letzten Versuch. Dieser führt uns wieder auf die Route des ersten Versuchs, doch diesmal biegen wir nach etwa fünf Minuten leicht nach Norden ab und wieder hinein in den Wald. Uns ist klar, dass dies kein Weg ist, dennoch wollen wir diesen einen Versuch noch mal riskieren. Und tatsächlich: Kurz vor der Resignation erreichen wir eine Anhöhe, gehen ein Stück hinauf und sehen die markante Hütte vor uns. Wir hechten darauf zu und gönnen uns eine Pause im windgeschützten Bereich neben der Hütte, um unsere Finger zu wärmen und etwas zu essen.

Gespenstisch: Das Waldschmidthaus am Rachel.

Endspurt mit Glück

Von hier aus ist der Gipfel als nur noch eine Viertelstunde weit entfernt angeschrieben. Wir halten uns wieder an die Richtung des Wegweisers, denn ein Weg ist auch hier nicht zu erkennen. Während des weiteren Aufstiegs nehmen Schneefall und Wind nochmal kräftig zu und wir müssen uns wegdrehen, um das Gesicht gegen die Schneeflocken zu schützen. Auch beim Gipfelaufstieg verlaufen wir uns einmal und müssen wieder kehrt machen. Das Klima zwingt uns dazu, schnell zu handeln, denn die Lust schwindet. Querfeldein schreiten wir auch jetzt einfach wieder nach oben und hoffen, in der Nähe des Gipfels herauszukommen.

Großer Rachel
LandDeutschland
GebirgeBayerischer Wald
Höhe1453 m
Koordinaten48°58′44″N, 13°23′20″E

Und tatsächlich haben wir wieder Glück: 20 Meter unterhalb des Gipfels hat sich Eis gebildet und Skispuren sind zu erkennen. Wir folgen den Spuren und zwei Minuten später stehen wir vor dem erhabenen Gipfelkreuz des Großen Rachel (1453m), bei welchem sich die Eiszapfen in Windrichtung verzogen haben. Aufgrund der Kälte halten wir uns aber nicht lange auf dem Gipfelplateau auf und machen uns auf zum Abstieg. Dieser ist merklich leichter und geht aufgrund der bekannten Route auch deutlich schneller. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir wieder stolz unser Auto und fahren nach Hause.

Das mit Eis überzogene Kreuz des Großen Rachel.

Fazit

Erstmal muss erwähnt werden, dass eine Schneewanderung zum Rachel sicherlich keine solch große Herausforderung ist, wie oben beschrieben. Bei guter Sicht gilt der Berg als einfach. Doch wenn die Sicht, wie bei uns, kaum 15 Meter beträgt, ist es hilfreich, zu überlegen, ob es Sinn macht, hinaufzugehen. Im unteren Bereich muss vor allem vor herabfallenden Schnee von den Bäumen gewarnt werden. Weiter oben wird es dann schwieriger, den richtigen Weg zu finden. Alles in allem ist es aber eine lohnenswerte Tour in einer tollen Landschaft.

StationenDistanzDifferenzZeit
Parkplatz Gfäll
→ Waldschmidthaus +2,8 km415 m ↑0 m ↓+3h 25m
→ Großer Rachel ✝ +0,4 km93 m ↑0 m ↓+0h 30m
→ Parkplatz Gfäll +3,2 km0 m ↑508 m ↓+1h 35m
Gesamt 6,4 km508 m ↑508 m ↓5h 30m