Guten Morgen, Lake Louise!

Die Besteigung des Fairview Mountain


10. Oktober 2014 • Autor: red.


Übersicht

Dieser Bericht beschreibt die Besteigung des Fairview Mountain in den kanadischen Rocky Mountains. Meine Wanderung beginnt im Ortskern von Lake Louise und führt mich zunächst hinauf zum gleichnamigen See. Von dort geht es anschließend über den Saddle Pass hinauf zum Gipfel des Fairview Mountain. Dort mache ich eine ausgiebige Pause und genieße die Aussicht auf die vergletscherten Berge im Umland und den glasklaren See zu meinen Füßen. Anschließend kehre ich über dieselbe Route wieder zurück ins Tal.

Schwierigkeit: T3GPS-Route: Download

Ein Morgen in Lake Louise

Es ist kurz nach 10 Uhr morgens. Noch leicht geschlaucht von der zwölfstündigen Busfahrt streiche ich mir den Sand aus den Augen, während ich auf die Touristeninformation von Lake Louise (1500m) zuschreite. Die kleine Ortschaft im Herzen des Banff Nationalparks lockt speziell im Sommer unzählige Besucher an, doch auch jetzt im Oktober herrscht hier noch reger Betrieb. Während die meisten Touristen vor allem den türkisblauen See sowie das luxuriöse Fairmont Chateau (1750m) besuchen wollen, interessiert mich vor allem die umliegende Bergwelt mit ihren markanten und einsamen Gipfeln. Insbesondere stehen der Fairview Mountain (2744m), der Big Beehive (2270m) und der Little Beehive (2210m) auf meiner To-Do-Liste für die nächsten Tage. Die nette Dame an der Touristeninformation erklärt mir, dass alle drei Berge zurzeit bestiegen werden können. Der Winter ist zum Glück noch nicht über die Gegend hereingebrochen, und die Wege sind daher noch alle gut zu begehen. Somit habe ich nun die Qual der Wahl. Da der Tag noch jung und der Himmel nahezu wolkenlos ist, entscheide ich mich heute gleich für den höchsten der drei Gipfel, den Fairview Mountain. Ich stecke mir noch schnell eine Wanderkarte ein, hole mir bei der Samson Mall einen Kaffee und mache mich schließlich auf den Weg.

Lake Louise ist eines der beliebtesten Reiseziele in den Kanadischen Rocky Mountains.

Unterwegs zum Fairmont Hotel

Der Einstieg zum Fairview Mountain (2744m) liegt nicht direkt in Lake Louise, sondern einige Kilometer außerhalb, am Ufer des gleichnamigen Sees (1750m). Da der Nahverkehr in dieser Gegend etwas zu wünschen übrig lässt, entschließe ich mich, zu Fuß zum See aufzusteigen. Zwar könnte ich hier auch problemlos eine Mitfahrgelegenheit finden, aber nach der langen Busfahrt tut mir ein bisschen Bewegung sicherlich gut. Ich überquere unweit der Touristeninformation den ruhigen Bow River und biege auf den Lake Louise Drive ein. Nach etwa 30 Minuten auf der kurvenreichen Bergstraße erreiche ich schließlich das märchenhafte Fairmont Chateau (1750m). Auf dem Parkplatz vor dem Hotel herrscht ein geschäftiges Treiben. Fast im Minutentakt trudeln hier Autos und Busse ein und laden mehr und mehr Touristen ab. Unbeirrt bahne ich mir den Weg an den herumschlendernden Besuchermassen vorbei und steuere auf den See zu. Dann liegt er vor mir: der türkisblaue Lake Louise – und ich verstehe, warum dieser Ort so viele Besucher anlockt. Das glasklare Wasser, die beeindruckenden Berge, die unberührten Gletscher... Keine Worte können diesem einzigartigen Naturidyll gerecht werden.

Der vergletscherte Mount Victoria wacht über dem ruhigen Wasser des Lake Louise.

Willkommen im Land der Bären

Nachdem ich einige Fotos vom See und den vergletscherten Gipfeln im Hintergrund gemacht habe, biege ich links – zwischen See und Parkplatz – auf den Weg Richtung Fairview Mountain (2744m) ein. Dort wartet gleich am Einstieg eine Schautafel mit wichtigen Informationen zum Bear Country auf mich. In den Bergen rund um Lake Louise sind nämlich zahlreiche Grizzly-Bären unterwegs, und der korrekte Umgang mit diesen respekteinflößenden Tieren kann über Leben und Tod entscheiden. So ist es beispielsweise ratsam, Bärenspray mit sich zu führen, sich durch lautes Sprechen frühzeitig bemerkbar zu machen und in größeren Gruppen zu wandern. Laut Infotafel ist es zuweilen sogar gesetzlich vorgeschrieben, mindestens eine Vierergruppe aufzustellen, wenn man einen Ausflug in die Wildnis machen will. Zwar wurde mir an der Touristeninformation versichert, dass ich momentan auch alleine losziehen darf, doch ein flaues Gefühl im Magen bleibt.

Bildergalerie: Fairview Mountain

Unterwegs im dichten Forst

Nichtdestotrotz setze ich mich wieder in Bewegung und biege in den dichten Forst hinein. „Es wird schon nichts passieren!“, sage ich mir. Als ich nach wenigen Minuten am Wegesrand schließlich auf einen riesigen Pfotenabdruck im Matsch stoße, wird mir aber doch ein wenig mulmig. Mental gehe ich nochmal die Tipps von der Schautafel durch. „Bärenspray?“ Nein, das hab ich leider nicht dabei... „In Gruppen wandern?“ Oh je... Doch zumindest kann ich mich durch lautes Reden bemerkbar machen und Bären somit vorwarnen, dass ich vorbeikomme. Da mir aber nicht danach ist, die nächsten Stunden Selbstgespräche zu führen, schalte ich stattdessen einfach meinen MP3-Spieler auf laut. „Hoffentlich stehen Grizzlys nicht auch auf Bruce Springsteen!“ Mit der musikalischen Untermalung von Born to Run und Greetings from Asbury Park, N.J. steige ich nun durch den düsteren Wald auf. Der Trampelpfad ist zwar gut zu begehen, doch das dichte Gehölz verhindert den Blick auf die faszinierende Bergwelt. Schade. Erst als sich nach einer Dreiviertelstunde der Forst zunehmend lichtet, kann ich die Aussicht ein wenig genießen. Wie ein dunkelgrüner Teppich spannt sich der dichte Nadelwald über das gesamte Bow Valley, in dessen Zentrum geradezu winzig der Bow River seine Bahnen zieht. Nach einer kurzen Pause setze ich meine Wanderung fort, die mich nun über steile Serpentinen hinauf zum Saddle Pass (2300m) bringt.

Der Forst lichtet sich und gibt erste Blicke auf das breite Bow Valley preis.

Auf dem Saddle Pass

Auf diesem Pass – fast könnte man es Hochplateau nennen – weicht der dichte Wald nun endgültig zurück und macht Platz für eine offene Wiesenlandschaft mit ein paar versprengten Bäumen. Dementsprechend ist das Panorama hier oben nicht zu verachten. Der Trampelpfad scheint auf den ersten Blick direkt auf die mächtigen Nordwände des Sheol Mountain (2776m) sowie des Haddo Peak (3070m) zuzulaufen. Linkerhand zeigt sich der Saddle Mountain (2433m), über dem sich ein unendlicher Strom aus Geröll und Schutt zu ergießen scheint. Und zu meiner Rechten erkenne ich nun endlich mein Tagesziel: den Fairview Mountain (2744m). „Ach, jetzt ist es nicht mehr weit“, denke ich mir, als ich meine Blicke zuversichtlich über den kargen Gipfelaufbau schweifen lasse. Doch recht schnell merke ich, dass der Eindruck täuscht! Die Serpentinen, die sich über den Geröllhang hinauf ziehen, sind äußerst steil und kräfteraubend. Während ich mich vor 20 Minuten noch recht fit fühlte, muss ich hier nun alle paar Meter eine kurze Verschnaufpause einlegen. Der Schweiß steht mir auf der Stirn und ich schleppe mich von Kehre zu Kehre. Zwischen all dem Geröll und Schutt ist dabei der richtige Weg – auch aufgrund mangelnder Markierungen – nicht immer gut auszumachen.

Der Saddle Pass liegt vor einer einzigarten Bergkulisse.

Auf Abwegen

Mittendrin passiert es dann: für einen Moment passe ich nicht hundertprozentig auf und komme vom Weg ab. Was zunächst wie eine kleine Abkürzung aussah, stellt sich nach wenigen Schritten als Sackgasse heraus. Plötzlich stehe ich mitten in einem Geröllfeld und es gibt kein Weiterkommen. Mir bleibt keine andere Wahl, als umzukehren. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn der Untergrund ist äußerst instabil. Selbst massige Steinblöcke geben keinen Halt und kommen schon bei der kleinsten Berührung ins Rutschen. Um auf Nummer sicher zu gehen, klammere ich mich mit beiden Händen an einem großen Felsen fest und taste mich mit den Füßen zurück. Plötzlich bricht der Schutt unter mir weg und meine Füße baumeln in der Luft. Mit Müh‘ und Not versuche ich, wieder einen sicheren Stand zu finden. Mit einem langen Schritt gelingt es mir, und ich kann mich aus der misslichen Lage befreien. Zurück auf dem richtigen Weg geht es nun wieder wie gehabt über steile Serpentinen dem Gipfel entgegen.

Der Gipfel der schönen Aussicht

Fairview Mountain
LandKanada
GebirgeCanadian Rockies
KammBow Range
Höhe2744 m
Koordinaten51°23′59″N, 116°13′31″W

Nach fast drei Stunden erreiche ich schließlich völlig erschöpft den schneefreien Gipfel des Fairview Mountain (2744m) – doch die Mühe hat sich gelohnt. Die Aussicht von hier oben ist fantastisch.

Im Süden erkenne ich den Saddle Mountain (2433m) mit seinen markanten Schuttfeldern, den Sheol Mountain (2776m) mit seiner steilen Nordwand sowie den Haddo Peak (3070m), dessen schneebestäubte Spitze in der Sonne hell erstrahlt. Doch am imposantesten ist zweifelsohne der dahinter gelegene Mount Temple (3543m). Respekteinflößend überragt der vergletscherte Gigant alle anderen Gipfel im Umkreis und zieht die Blicke auf sich.

Der vergletscherte Mount Temple dominiert den Blick gen Süden.

Doch auch die Bergkette im Westen hat einiges zu bieten. Im Mittelpunkt steht dabei der mächtige Mount Victoria (3464m), über dessen Rücken sich der meterhohe Victoria Gletscher langsam talwärts wälzt. Eingerahmt wird der markante Gipfel von zahlreichen weiteren Dreitausendern, wie zum Beispiel dem Pope’s Peak (3163m), dem Collier Peak (3215m) und Mount Huber (3368m).

Auch im Westen ragen einige mächtige Dreitausender dem Himmel entgegen.

Im Vergleich zu diesen Giganten aus Fels und Eis wirken die Gipfel im Norden etwas zahmer, auch wenn sie zum Teil immer noch an der Dreitausendermarke kratzen. Speziell Mount Whyte (2983m) und der dahinter gelegene Mount Niblock (2976m) prägen hier das Bild. Doch auch der deutlich niedrigeren Gipfel des Big Beehive (2270m), der die Form eines Bienenstockes hat, zieht meine Blicke auf sich – und das nicht nur, weil er inklusive seines kleinen Bruders, dem Little Beehive (2210m), morgen auf meinem Programm steht!

Die Gipfel im Norden sind zwar etwas niedriger, aber immer noch mehr als beeindruckend.

Abgerundet wird das einzigartige Panorama durch den Lake Louise, der tief unter mir im Tal ruht. Geradezu unnatürlich sieht das türkisblaue Wasser des Sees aus, welches zwischen einigen Felszacken hervor spiegelt. Sogenanntes Steinmehl, das von den Gletschern herunter gespült wird, ist für dieses faszinierende Phänomen verantwortlich.

Im Angesicht dieses umwerfenden Panoramas setze ich mich bei einem Steinmännchen nieder und gönne mir eine kleine Brotzeit. Während ich mir einige Weintrauben aus dem Rucksack kredenze, unterhalte ich mich noch ein wenig mit einem deutschen Pärchen, das wenige Minuten vor mir hier am Gipfel eingetrudelt ist. Abgesehen davon hat sich aber noch niemand nach hier oben verirrt. Dies mag allerdings auch an der Jahreszeit liegen. Im Hochsommer ist hier sicherlich etwas mehr Betrieb zu erwarten.

Der Abstieg

Als der Wind nach einigen Minuten immer kälter über den Gipfel streicht, entscheide ich mich, langsam den Rückweg anzutreten. Vorsichtig bahne ich mir auf dem losen Geröll wieder den Weg hinunter zum Saddle Pass (2300m). Ein Königreich für Trekkingstöcke! Während ich Serpentine um Serpentine absteige, kommen mir doch noch zwei, drei Wanderer entgegen, die hinauf zum Gipfel wollen. Erleichtert stelle ich fest, dass auch sie auf diesem letzten Teilstück ähnlich ins Schwitzen geraten wie ich. Ich gebe ihnen ein paar motivierende Worte mit auf den Weg und setze meinen Abstieg fort. Als ich am Saddle Pass ankomme, spiele ich kurz mit dem Gedanken, noch auf den nahegelegenen Saddle Mountain (2433m) zu steigen. Doch beim Anblick der Schuttmassen, die mich dort erwarten würden, verwerfe ich diese Idee sogleich wieder. Heute reicht es mir mit dem losen Geröll. Stattdessen setze ich meinen Abstieg fort. Jenseits des Passes werfe ich aus Sorge vor den Bären erneut meinen MP3-Spieler an und bahne mir mit musikalischer Untermalung wieder den Weg hinunter nach Lake Louise – ‘cause tramps like us, baby we were born to run! Nach zweieinhalb Stunden ist es dann geschafft, und ich erreiche wieder meinen Ausgangspunkt. Erschöpft aber überglücklich taumel ich in eines der zahlreichen Restaurants bei der Samson Mall und lasse dort den ereignisreichen Tag gebührend ausklingen.

StationenDistanzDifferenzZeit
Lake Louise (Village)
→ Fairmont Chateau +3,8 km251 m ↑1 m ↓+0h 30m
→ Saddle Pass +3,7 km554 m ↑4 m ↓+1h 15m
→ Fairview Mountain ✝ +1,1 km444 m ↑0 m ↓+1h 05m
Lake Louise (Village) +8,6 km5 m ↑1249 m ↓+2h 30m
Gesamt 17,2 km1254 m ↑1254 m ↓5h 20m