Free Solo

Filmkritik


26. Oktober 2018 • Autor: red.


Im Sommer 2017 erregte Alex Honnold nicht nur in der Kletterszene, sondern auch in den internationalen Medien großes Aufsehen. Ohne jegliche Absicherung hatte er gerade die 3200 Fuß hohe, praktisch vertikale Granitwand des El Capitan (2307m) im Yosemite Nationalpark durchstiegen. Eine geradezu übermenschliche Leistung!

Nicht nur Laien, sondern auch gestandene Kletterprofis verfolgten Honnolds wagemutige Free-Solo-Begehung mit einer Mischung aus Staunen und Entsetzen. Tommy Caldwell, ein enger Freund Honnolds und seinerseits selbst angesehener Yosemite-Veteran, verglich das extreme Unterfangen mit einer gnadenlosen Variante der Olympischen Spiele: »Entweder du gewinnst die Goldmedaille – oder du stirbst.« Beim Free Soloing gibt es keinerlei Grauzonen, nur Perfektion oder Tod.

Alex Honnold und der El Capitan.

Die Protagonisten: Alex Honnold und der El Capitan.

(Foto: Jimmy Chin/National Geographic)

Free Solo, der neue Film von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin, widmet sich Honnolds monumentalem Meisterstück, das von anderen Athleten als die »Mondlandung des Kletterns« beschrieben wird. Zwei Jahre lang begleitete das Filmteam den Ausnahmesportler bei seinem waghalsigen Projekt und ging dabei auch der Frage auf den Grund, was einen Menschen dazu bewegt, sein Leben aus freien Stücken aufs Spiel zu setzen. Herausgekommen ist dabei nicht nur eine bahnbrechende Kletterdokumentation, sondern auch eine intime Charakterstudie des ansonsten doch eher in sich gekehrten Protagonisten.

Wie Honnold zu Beginn des Films erklärt, beschäftigte ihn die Idee, den El Capitan (2307m) ohne Hilfsmittel zu besteigen, schon seit mehreren Jahren. Zunächst erschien ihm eine Free-Solo-Begehung der abweisenden Granitwand jedoch als schier undenkbar. Andererseits war ihm aber auch immer bewusst, dass er nie völlig zufrieden sein würde, wenn er es nicht zumindest einmal versucht.

Und so beginnt er gemeinsam mit seinem Freund Tommy Caldwell, die sogenannte Freerider Route zu studieren, Tritt für Tritt, Griff für Griff. Immer und immer wieder arbeiten sich die beiden Profikletterer durch die glattgeschmiergelte Granitwand des El Capitan (2307m), bis schließlich jede Bewegung fest einchoreographiert ist.

Alex Honnold und Tommy Caldwell.

Gemeinsam mit seinem Freund Tommy Caldwell studiert Honnold die Route.

(Foto: Jimmy Chin/National Geographic)

Während Honnold der Verwirklichung seines Traumes immer näherzukommen scheint, bereitet das waghalsige Vorhaben seinen Wegbegleitern jedoch zunehmend Magenschmerzen. Seiner Freundin Sanni McCandless wäre es am liebsten, wenn Honnold das Vorhaben endlich aufgeben würde und mit ihr stattdessen ein bodenständiges Leben in Las Vegas begänne, und auch sein Kletterpartner Tommy Caldwell würde ihm das Projekt am liebsten ausreden. Zu viele Freunde hat dieser schon am Berg verloren. Die Frage, ob es überhaupt vertretbar sei, einen Film über Free Soloing zu drehen, beschäftigt auch Jimmy Chin und sein Kamerateam. Denn was ist, wenn der schlimmste anzunehmende Fall doch eintreten sollte?

Doch Honnold, dem der Drang nach Spitzenleistung von seinen Eltern in die Wiege gelegt wurde, lässt sich von seinem Traum nicht abbringen. Für ihn liegt der Sinn des Lebens nicht in der Suche nach Glückseligkeit, sondern im Streben nach Bestleistungen. Und so begibt sich der stets lässig erscheinende Amerikaner am 03. Juni 2017, nach zwei Jahren penibler Vorbereitung, tatsächlich zum Fuß der Wand und steigt in die Freerider Route ein.

Ein Raunen geht durchs Kino, als er die erste Schlüsselstelle erreicht, an der er im Vorjahr noch gescheitert war. Zu riskant erschien ihm damals die Traverse der spiegelglatten Passage. Selbst der Kameramann, der das Geschehen vom Fuße der Wand beobachten soll, kann da schon bald nicht mehr hinsehen und wendet sich entsetzt ab. Doch während alle Außenstehenden den Atem anhalten, hat Honnold die Zeit seines Lebens. Mit unglaublicher Präzision arbeitet er sich ohne Absicherung durch die teils überhängende Felswand und lässt dabei auch einige andere Kletterer verdutzt zurück.

Alex Honnolds Free Solo am El Capitan.

Schwindelerregend: Ohne Absicherung erklettert Honnold den El Capitan.

(Foto: Jimmy Chin/National Geographic)

Nach der letzten Schlüsselstelle, gute 700 Fuß unterhalb des Ausstiegs, fällt schließlich jegliche Anspannung von Honnold ab. »Hey Buddy«, ruft er seinem Kameramann lässig mit einem breiten Grinsen zu, während er an ihm vorbeiklettert. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Honnold bereits, dass sein großer Traum heute endlich in Erfüllung gehen wird. Nichts kann ihn mehr vom Gipfel des El Capitan (2307m) trennen! Nach drei Stunden und 56 Minuten wird Honnold schließlich von einem emotionalen Jimmy Chin am Ausstieg der Wand empfangen, und die Kletterannalen sind um ein nervenaufreibendes Kapitel reicher.

Free Solo lebt nicht nur von Honnolds außerirdischer Leistung, sondern auch von der bildgewaltigen Inszenierung durch Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi und Kameramann Jimmy Chin, die sich zuvor mit ihrer preisgekrönten Dokumentation Meru in der Kletterszene bereits einen Namen gemacht hatten. So idyllisch und ruhig die Aufnahmen des Yosemite Valleys sind, so schwindelerregend und beängstigend sind die Aufnahmen aus der Wand. Wiederholt gelingt es Chin, die Ausgesetztheit der Route einzufangen und in den Kinosaal zu transportieren. Vor allem die Nahaufnahmen der teils mikroskopisch kleinen Griffe und Tritte, an denen Honnolds Leben hängt, sind beeindruckend. Nicht größer als eine halbe Erbse sind manche der Felskanten, die der junge Kletterer zwischen Daumen und Zeigefinger klemmt, um sich nach oben zu ziehen. Spätestens hier wird selbst jedem Laien klar, wie monumental eine Free-Solo-Begehung des El Capitan (2307m) in Wirklichkeit ist.

Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin.

Free Solo trägt die Handschrift von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin.

(Foto: Jimmy Chin/National Geographic)

Mit Free Solo ist dem Duo Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin ein weiterer filmischer Meilenstein gelungen, der zurecht nicht nur eine Auszeichnung nach der anderen einheimst, sondern auch Rekorde an den Kinokassen bricht. Obwohl man von Anfang an weiß, dass Honnolds visionärer Ausflug ein gutes Ende nehmen wird, gerät man ob der niederschmetternden Tiefblicke des Öfteren doch selbst ins Schwitzen. Es besteht kein Zweifel: Free Solo gehört zu den besten und mitreißendsten Kletterfilmen, die je gedreht wurden.

Titel: Free Solo • Spielzeit: 100 Minuten • Freigabe: ab 13 Jahren • Release: 2018